114.000 Kinder in den Bürgerkrieg in Syrien hineingeboren

Von: Manfred Kutsch
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In keinem Land der Erde ist die Flüchtlingsquote so hoch wie im Libanon. Rund 1,2 Millionen Kinder harren dort nach ihrer Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg überwiegend in improvisierten Lagern aus, etwa im Dorf Al-Marj im Ost-Libanon, wie diese Aufnahme zeigt. Foto: dpa
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Christoph Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, besucht derzeit die Krisenregion rund um Syrien. Er sagt, einer ganzen Generation drohe der Bildungsverlust. Foto: dpa

Beirut/Aachen. Vier Jahre nach Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien leiden laut Unicef mehr Kinder als jemals zuvor unter den Folgen des Konfliktes. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung, rund 3,8 Millionen Syrer, darunter zwei Millionen Kinder und Jugendliche, sind vor der Gewalt in ihrer Heimat vor allem in die Nachbarländer Irak, Jordanien, Türkei und Libanon geflohen. Ihre Situation ist von Armut, Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit geprägt.

Letzteres betrifft auch wachsende soziale Spannungen mit der Bevölkerung. „Allein im Libanon ist jeder Vierte ein Flüchtling“, sagt Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider während seiner derzeitigen Reise dorthin im Gespräch mit unserer Zeitung. Vor diesem Hintergrund käme es „verstärkt zu Konflikten um begrenzte Ressourcen wie Wohnungen, Arbeit und Wasser“. Es gebe „kein Land der Erde“, in dem die Flüchtlingsquote im Vergleich zur Bevölkerung „so hoch“ sei wie im Libanon. Allein 1,2 Millionen Kinder harren dort überwiegend in improvisierten Lagern auf der Flucht aus. „Sie haben kaum Möglichkeiten, sich in den Camps zu zerstreuen, die meisten von ihnen haben zudem enge Verwandte verloren“, sagt Schneider.

Anlässlich des Jahrestages des Krieges, der mit Präsident Baschar al-Assads gewaltsamem Vorgehen gegen friedliche Demonstranten begann, appelliert Unicef an die Regierungen und Öffentlichkeit, die Kinder nicht allein zu lassen. Humanitäre Hilfe und Bildungsprojekte sowie psychosoziale Hilfen für Kinder und Jugendliche müssten dringend intensiviert werden.

Am schlimmsten sei die Situation für Kinder weiterhin innerhalb Syriens. „In den vergangenen vier Jahren wurden dort mindestens 10.000 Kinder getötet. 5,6 Millionen Mädchen und Jungen in Syrien sind in einer akuten Notsituation – bis zu zwei Millionen Kinder sind sogar ganz oder zeitweise von jedweder Hilfe abgeschnitten“, führt Schneider aus. Er selbst sei vor Ort in der Krisenregion, „um nachzuspüren, was ein derart brutaler und langjähriger Konflikt mit den Seelen der Kinder macht“. Etwa zehn Prozent der Mädchen und Jungen seien „über die normale psychosoziale Betreuung hinaus zwingend therapiebedürftig“. Panische Angstattacken, Stottern, Bettnässen, Gewichtsverlust seien nur einige der Symptome. Er selber habe ein Mädchen kennen gelernt, das zunächst Zeugin des Mordes an ihrem Vater geworden sei und danach binnen weniger Tage ihre beiden Onkel verlor: „Das Kind war total entkräftet, mangelernährt, saß im Rollstuhl“, berichtet Christian Schneider von den Folgen der Traumata des Mädchens.

Nach vier Jahren Bürgerkrieg und insgesamt 200.000 Toten hätten die meisten Familien aus Syrien keine Einkommensquellen mehr, so Schneider: „Mädchen trauen sich oft nicht mehr aus dem Haus und werden jung verheiratet, um ihre Familien zu entlasten. Männliche Jugendliche müssen häufig unter härtesten Bedingungen Geld verdienen oder schließen sich aus Mangel an Alternativen bewaffneten Gruppen an.“

Längst ist Syrien – das am dichtesten besiedelte Land im Nahen Osten – zerfallen in den kaum durchschaubaren Spannungsfeldern zwischen Assad, Freier Syrischer Armee, der gemäßigten islamischen Miliz Ahraral-Scham, den Muslimbrüdern, Kurden sowie den militanten Dschihadisten der Al-Nusra-Front und des sogenannten Islamischen Staates (IS). „Die Menschen dort leben von einem Tag auf den nächsten“, sagt Hanaa Singer, Leiterin von Unicef in Syrien.

114.000 Babys sind in der Krisenregion als Flüchtlinge geboren worden. Laut Vereinten Nationen wurden allein 2014 über 60 Angriffe auf Schulen in Syrien verübt. Nur ein Drittel der Krankenhäuser ist noch funktionsfähig, die Hälfte der Ärzte hat das Land verlassen.

Wegen der unzureichenden Wasser-, Sanitär- und Gesundheitsversorgung haben ansteckende Krankheiten zugenommen, darunter die gefährliche Kinderlähmung (Polio), die 2013 erstmals wieder ausbrach. Schließlich droht darüber hinaus der Bildungsverlust einer ganzen Generation. Zwei Millionen Kinder gehen in Syrien nicht zur Schule, rund 4200 Schulen sind wegen der Kämpfe unzugänglich oder zerstört.

Die Hilfsorganisation Unicef zeichnet mit ihren Nothilfen vor allem für Wasserversorgung, Impfungen und Schulmaterial verantwortlich. Um die Hilfsprojekte zu realisieren ist Unicef auf finanzielle Unterstützung angewiesen und sammelt Spenden.

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