Aachen - Fuat Kilic: „Es wird etwas komplett Neues entstehen“

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zur Webansicht Mo. 18.12.2017

Fuat Kilic: „Es wird etwas komplett Neues entstehen“

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Der Trainer sitzt am Ende einer turbulenten Saison, die er als „erfolgreich und sehr emotional“ beschreibt, alleine in der verwaisten Kabine. Seine Spieler sind in die Fußballerferien gegangen, viele werden nicht mehr zum Tivoli zurückkehren. Das ist die Aufgabenstellung für Fuat Kilic, der in diesen Wochen hauptsächlich Kaderplaner bei Alemannia Aachen ist.

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Noch ist die Kabine leer: Kaderplaner Fuat Kilic wird in den nächsten Wochen viel neues Personal einstellen. Foto: Christoph Pauli

Wie erholt sich der Trainer nach turbulenten, stressigen Monaten?

Kilic: Derzeit geht es nicht, aber ich spüre, dass ich bald mal für ein paar Tage auftanken muss. Ich bin schon ein bisschen an der Grenze und brauche neue Energie bis zum Trainingsstart.

Wer passt auf Fuat Kilic auf und gibt ihm die Rückmeldung, dass er mal runter vom Gaspedal sollte?

Kilic: Eigentlich alle, die mich gut kennen und mich treffen. Deswegen versuchen wir mal zeitnah ein paar Tage an die Küste zu kommen mit festen Arbeitszeiten am Handy (lacht).

Sie sind so emotionalisiert worden, dass Sie den geplanten Abschied rückgängig gemacht haben. Hat Ihre Familie auch so eine enge Bindung zu dem Verein bekommen?

Kilic: Mein Sohn trägt Trikots von Bayern und Alemannia und schläft sogar in Alemannia-Bettwäsche. Er interessiert sich enorm. Die ganze Familie fühlt sich hier sehr herzlich aufgenommen. Meine Frau hat schnell das Gefühl gehabt, dass sie dazu gehört. Die ganze Familie fühlt sich hier wohl.

Haben Sie die enorme Zuneigung schon an anderen Standorten erfahren?

Kilic: In Duisburg und Lautern war ich zwar nur Co-Trainer, aber es gab auch dort eine hohe Wertschätzung und einen sehr respektvollen Umgang. In der Türkei in der Süperlig war es ähnlich.

Hält die Zuneigung auch Phasen der Punktedürre aus?

Kilic: Ich hoffe es, dass unsere Situation realistisch eingeschätzt wird. Das ist nach dieser Saison mein Eindruck. Die Fans sehen und spüren, wie wir für diesen Verein arbeiten. Wir wollen in den nächsten Jahren etwas aufbauen. Dafür brauchen die Jungen Zeit und Vertrauen. Spieler wie Mark Depta oder David Pütz werden Fehler machen, aber sie sollen sich in Ruhe entwickeln, damit sie tragende Säulen werden. Sie sind die Zukunft. Eine andere Frage ist es, ob wir sie halten können, wenn sie sich so weiterentwickeln.

Profitiert die neue Mannschaft noch von der alten Mannschaft, die monatelang ungeschlagen war am Ende?

Kilic: Es wird wieder etwas komplett Neues entstehen, weil wir viele Spieler leider abgeben müssen. Es kommen neue Typen, neue Charaktere dazu. Sie sollen Leidenschaft und Einsatzbereitschaft mitbringen. Meine Aufgabe ist es dann, das alles zu verpacken und zu entwickeln. Das reizt mich sehr, ich bin hochmotiviert.

Wenn Sie mittelfristige Verträge abschließen, müssen Sie immer Optionen einräumen, die einen vorzeitigen Weggang regulieren?

Kilic: Das ist so in unserer Situation. Ich habe aber schon immer Spieler verstanden und unterstützt, die in höhere Klassen wechseln konnten. Das ist der Lauf der Dinge bei allen Vereinen in dieser Liga so.

Diese Optionen gibt es auch in Ihrem Vertrag, hat der Insolvenzverwalter mitgeteilt.

Kilic: Ja, aber ich würde Alemannia gegen keinen anderen Regionalligisten eintauschen. Und selbst Drittligisten finde ich teilweise nicht so attraktiv wie diesen Klub. Hier genieße ich das Vertrauen, kann frei arbeiten und etwas entwickeln. Das weiß ich sehr zu schätzen, deswegen habe ich alle Anfragen in den letzten anderthalb Jahren nicht verfolgt.

Wie wird Ihr Trainerstab aussehen in der nächsten Spielzeit?

Kilic: Ich würde gerne professionell mit Torwart-, Athletik- und Cotrainer weiter arbeiten. Das ist mein Anspruch. Derzeit stecken wir alles Geld in eine neue schlagkräftige Truppe. Danach müssen wir sehen, ob wir mit unseren eingeschränkten Möglichkeiten etwas im Stab machen können. Auf jeden Fall werde ich weiter mit Stefan Kniat in irgendeiner Form arbeiten, der mit Herz und Leidenschaft für diesen Verein lebt.

Wir sind in unseren Planungen vom Insolvenzverwalter abhängig. Ich wünsche mir sehr, dass sich viele Sponsoren mit unserem Projekt anfreunden, und dass es auch wieder ein Umdenken bei der Stadt gibt. Der Verein ist unverändert ein Image- und Wirtschaftsfaktor. In anderen Städten wie Düsseldorf hat die Kommune den Traditionsverein tatkräftig unterstützt. Ich kenne die Vergangenheit, aber die haben wir nicht verschuldet.

Wie viele Spieler stehen schon unter Vertrag?

Kilic: Es sind bislang zwölf. Noch nicht alle Namen haben wir herausgegeben, weil einige Spieler noch ihre Vereine informieren wollen.

Kann es sein, dass Spieler mit bestehenden Verträgen noch weggehen?

Kilic: Ja, die Möglichkeit besteht auf jeden Fall. Wir jagen keinen vom Hof, werden jedoch offen über Perspektiven sprechen und Empfehlungen geben. Eine weitere Zusammenarbeit muss für beide Seiten Sinn machen.

Mark Depta hat verlängert. Wie stehen die Chancen bei Philipp Gödde, Jerome Propheter oder Joy-Lance Mickels?

Kilic: Die Gespräche sind gut, aber wir müssen geduldig sein. Letztlich müssen die Spieler und ihre Berater entscheiden, was für die Entwicklung am besten ist. Aber diese Spieler haben schon eine große Bedeutung in meinen Plänen. Ausgemacht ist, dass wir diese Woche schon eine eindeutige Rückmeldung gerne hätten.

Empfangen Sie Signale?

Kilic (lacht): Wir haben Samstag bis tief in die Nacht zusammengesessen beim Abschlussabend. Unter uns: Es sind fast Tränen in dem ein oder anderen Fall geflossen. Ich liebe diese Spieler, sie sind mir unglaublich ans Herz gewachsen. Spieler wie Mergim Fejzullahu, Philipp Gödde, Nils Winter, Jerome Propheter oder Joy-Lance haben einen unheimlichen Schub bekommen und sie haben noch viel Potential.

Und ich bedauere es sehr, dass Typen wie Dennis Dowidat oder Jannik Löhden weggehen, mit denen es auch einen privaten Austausch gab. Sie wären nie weggangen, wenn es diese Zeitnot nicht gegeben hätte. Wenn ich Jannik Löhden ein Angebot hätte machen können, wäre er noch hier. Er ist ein richtiger Leader geworden, ein großer Verlust.

Vor allem erfahrene Spieler haben sich abgemeldet.

Kilic: Das ist so, deswegen brauchen wir noch Leader. Für mich wäre es wichtig, wenn Jerome bleiben würde. Er kann in die Rolle des Leaders hineinwachsen, er kann noch wichtiger werden. Ihm traue ich viel zu.

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