Anzeige
zur Webansicht So. 26.03.2017

Keine Aufmärsche: Friedliches Fest in Stolberg

Von: Laura Beemelmanns und Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:

Stolberg. Es war ruhig in der Kupferstadt. Ungewöhnlich ruhig – zumindest für dieses Aprilwochenende. Um elf Uhr vormittags lohnte sich ein Blick in die Straßen, auf den Kaiserplatz und die Innenstadt. Nichts. Nichts außer einige wenige Polizeiwagen, ein paar Fußgänger und Neugierige. Keine Hundertschaften, keine Nazis. Im Gegenteil.

Image
Friedliche Versammlung von Bürgern in Stolberg: Auf dem Kaiserplatz wurde ein Bürgerfest gegen Rechts gefeiert. Foto: dpa

Trotz des schlechten Wetters wagten viele Stolberger den Weg vor die Tür und belebten die Stadt. Das beobachtete auch Beatrix Oprée, Sprecherin des Bündnis gegen Radikalismus: „Als ich heute nach Stolberg gefahren bin, stellte ich fest, dass viel mehr Menschen auf der Straße waren, sie wirkten entspannter und die Cafés waren voll.“

Nazifreies Stolberg

„Gemeinsam auf die Straße für ein nazifreies Stolberg“ war der Anlass. Und in diesem Jahr sollten die Initiatoren zum ersten Mal Recht bekommen. Nach fünf Jahren stand nun also das Bürgerfest im Vordergrund, nicht etwa die Aufmärsche drum herum. Das Verbot des Polizeipräsidenten Klaus Oelze blieb nach dem Weg durch die Instanzen trotz Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe bestehen. „Wir sind sehr stolz, dass wir das nun geschafft haben“, sagt Oelze, und, „wir haben die Justiz auf unserer Seite.“ Aus diesem Grund feierten die Stolberger zur Abwechslung ein ausgelassenes Fest. „Normalerweise stehe ich hier und habe schlechte Laune.

Aber heute bin ich stolz und froh. Zum ersten Mal seit fünf Jahren werden wir nicht mit braunem Gedankengut belangt“ – so fasst der Erste Bürger der Stadt, Ferdinand Gatzweiler, den Erfolg zusammen. „Unsere Demokratie ist etwas, das wir uns nicht kaputt machen lassen.“ Die einzige Demonstration, die an diesem Wochenende in Stolberg stattfand, war die einiger junger Vertreter von Gewerkschaften und Parteien. Nachdem sie vom Hauptbahnhof in Richtung Mühle und zur Schneidmühle, wo sich in den Vorjahren die Rechte formiert hatte, marschiert waren, zogen sie weiter zum Kaiserplatz und bedankten sich bei Bürgermeister Gatzweiler dafür, dass sie diesen Weg gehen durften. Sie verharrten den gesamten Vormittag am Kaiserplatz. Rufe oder Märsche suchte man glücklicherweise vergebens.

Die vielen Besucher wurden zudem als Helden gelobt. Und das nicht nur weil sie dem leichten Hagel trotzten, sondern weil sie gewillt waren, ein Zeichen zu setzen. „Den Regen können wir nicht abstellen, aber wenn ich mich zwischen Regen und dem Aufmarsch entscheiden müsste, würde ich den Regen wählen“, sagt Moderator und Mitglied des Bündnis gegen Radikalismus Markus Stork.

Gemeinsam mit Beatrix Oprée führte er durch das Programm. Oprée sprach zudem eine Empfehlung aus: „Heute steht bunte Suppe statt brauner Brühe auf dem Speiseplan.“ Die hatten die Mitglieder des Jugendparlaments gekocht. „Wir freuen uns, das wir eine so große Änderung verzeichnen können. Wir wissen, dass eine breite Front gegen die Neonazis besteht.“ Der Zusammenhalt nimmt zu. „Stolberg bleibt erstmals nazifrei.

„Wir sind in den letzten Jahren immer mehr zusammengewachsen“, sagt Gatzweiler. Dieser Erfolg war Anlass genug, um sowohl Stolberger als auch Kölner Künstler auf die kleine Bühne am Kaiserplatz zu locken. Den Anfang machte der Europäische Cultur Creis (ECC) mit einem kurzen Musikbeitrag. Ihm folgte die offizielle Eröffnung durch Bürgermeister Ferdinand Gatzweiler, Städteregionsrat Helmut Etschenberg und die Landtagsabgeordneten Axel Wirtz und Stefan Kämmerling sowie viele befreundete Bürgermeister, Stellvertreter und Ratsvertreter aus Alsdorf, Herzogenrath,Würselen, den Eifel-Kommunen und aus der näheren Umgebung sowie der Auftritt des Kulturvereins City Starlights.

Die Jungs und Mädels hielten Fahnen vieler Länder in die Luft und vereinigten sich zu einem Kreis, um die Zusammengehörigkeit aller darzustellen. Im Zuge dessen überreichten sie die „Bank der Toleranz“, eine weiße Bank mit neongelben Sternchen darauf. Auf dieser sollten alle Gäste des Events unterschreiben. Und das taten sie auch – allen voran die beiden Jugendbotschafterinnen Natalie und Vanessa Lennertz.

Polizei greift in Aachen ein

Carlos Cachafeiro, ein Stolberger mit spanischen Wurzeln, war der erste. Der Musiker coverte bekannte Hits wie „An Tagen wie diesen“ der Toten Hosen und „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Er war an diesem Tag eine Art Ein-Mann-Vorband für die Kölner Brings. „Wollt ihr Brings sehen?“, fragt er das Publikum. „Ich freu mich auch auf sie“, sagt Carlos und macht Platz für die dick eingepackten, winterlich gekleideten fünf Musiker der Kölschrock-Band. Im letzten Jahr hatten sie es in Eschweiler versprochen. Und sie haben ihr Wort gehalten. Brings unterhielt das nazifreie Stolberg mit vier ihrer bekanntesten Hits. „Superjeile Zick“ und „Su lang mer noch am Lääve sin“ waren die Singles, die die Menge zum hüpfen, klatschen und mitsingen anstiftete. „Vor einigen Jahren waren wir schon mal hier. Damals war mein Vater noch dabei. Da waren auch keine Nazis da. Ich glaub wir müssen jetzt immer kommen“, sagt Stephan Brings. Dass die Band ihren Worten Taten folgen ließ, war das Pünktchen auf dem „i“. Eine Gage verlangten die Musiker nicht. An diesem Tag sollte – zumindest hier vor Ort – nichts mehr schief gehen.

Während in der Kupferstadt die Lage bis in den Nachmittag hinein ruhig blieb, musste die Polizei im Aachener Innenstadtbereich eingreifen. Dort verteilten acht polizeibekannte Mitglieder der Partei „die Rechte“ Flugblätter. Dies wertete der Polizeipräsident als Ersatzveranstaltung für die in Stolberg verbotenen Aufmärsche. Die Polizei erteilte für das gesamte Aachener Stadtgebiet ein Platzverbot und leitete Ermittlungsverfahren ein. Die Mitglieder der rechtsextremen Szene wurden durch die Beamten zum Bahnhof eskortiert und ihre Abreise aus Aachen überwacht. Eine spontane Gegendemonstration des „linken“ Spektrums endete nach wenigen Minuten ohne besondere Vorkommnisse. Vereinzelt kam es in den Nachmittagsstunden im Aachener Stadtgebiet zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Personen der „rechten“ und „linken“ Szene. Eskalationen konnten von den eingesetzten Polizeikräften verhindert werden, es wurden jedoch noch weitere Platzverweise ausgesprochen.

Das sollte die Stimmung in Stolberg keineswegs trüben. Mit dem Jugendparlament, einem jungen Duo der Musikschule Merz, das mit seinen Trompetenklängen begeisterte, fand das Bürgerfest seinen Ausklang. Die Demo in Richtung Mühle blieb aus. In diesem Jahr hatte man keinen Grund dazu. Erfreulicherweise. Das Programm musste sogar ein wenig gerafft werden, die einzelnen Beiträge wurden wahlweise vertauscht. Umringt war die Bühne von zahlreichen politischen Ständen. SPD, CDU, Die Linke, die Grünen und auch die Piraten standen für Fragen und nette Gespräche parat. Wer wollte, konnte den Samstagmittag mit einer bunten Suppe des Jugendparlaments oder anderen Leckereien ausklingen lassen.

Weiße Ballons

Um ein letztes Zeichen zu setzen wurden zudem weiße mit Helium gefüllte Ballons verteilt. Diese ließen die Besucher gemeinsam gen Himmel steigen. „Die Ballons bilden einen wunderbaren Kontrast zum grauen Himmel“, schwärmt Markus Stork. Und zum Ausklang marschierte die Trommlergruppe „Lautstark“, die eigens Kulturmanager Max Krieger formierte, über den Kaiserplatz. Sie hätte anderenfalls lautstark die Demonstration angeführt.

 Leserkommentare (1)

Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.