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zur Webansicht Sa. 27.05.2017

Projekt in der Krise: Dunkle Wolken über der Klosterstadt

Von: Ulrich Simons
Letzte Aktualisierung:

Meßkirch/Alsdorf. Nur drei Monate nach dem Baustart des „Campus Galli“ sind über dem Mittelalter-Projekt des Alsdorfers Bert ­Geurten dunkle Wolken aufgezogen. Denn trotz üppiger Anschubfinanzierung ist den Zeitreisenden vom Bodensee bereits das Geld ausgegangen.

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Da hilft nur noch beten: Das Klosterbauprojekt „Campus Galli“ des Alsdorfers Bert Geurten ist schon nach drei Monaten in finanziellen Schwierigkeiten. Foto: CG

Geurten (63), bis dahin im Hauptberuf Rundfunkjournalist, hatte Ende Juni im süddeutschen Meßkirch begonnen, sich einen Jugendtraum zu erfüllen. Sein Ziel: Mit freiwilligen Helfern den legendären Klosterplan von St. Gallen mit Werkzeugen und Materialien aus der Zeit Karls des Großen zum Leben zu erwecken. Rund 50 Häuser sollen in den kommenden 40 Jahren entstehen, dazu eine Kathedrale für 2000 Menschen.

Zunächst hatte es auch danach ausgesehen, als seien zumindest die ersten drei Jahre des Abenteuers gesichert: Das Land Baden-Württemberg hatte als Startkapital 120.000 Euro in Aussicht gestellt, die EU 330.000 Euro und die Stadt Meßkirch weitere 383.000 Euro, davon 263.000 Euro für die Erschließung des Baugeländes.

Von den restlichen 120.000 Euro sollten in diesem Jahr 70.000 fließen, im nächsten 50.000 Euro. Ab dem vierten Jahr sollen dann in der Bauzeit zwischen 2. April und 11. November rund 125.000 Besucher mit ihren Eintrittsgeldern den Fortbestand der Baustelle und den jährlichen Finanzbedarf von etwa 850.000 Euro sicherstellen. 36 Jahre lang. So sah es zumindest der Businessplan vor, den Projektleiter Bert Geurten im Februar auf einer Pressekonferenz in Aachen präsentiert hatte.

Doch der bisherige Baustellentourismus hinkt den Planungen weit hinterher: In Meßkirch, auch sonst nicht gerade eine touristische Hochburg, konnte man soeben erst den 12.000. Gast begrüßen. Weil die ursprünglich für Mai geplante Eröffnung der Baustelle auf den 22. Juni verschoben werden musste, habe man keine Bustouristen mehr anwerben können, nennt Initiator Bert Geurten einen der Gründe für die Finanzmisere.

„Es war jedem klar, dass man im ersten Jahr keinen Gewinn machen kann. Da ist die Stadt jetzt gefordert.“ Die Begeisterung im Meßkircher Rathaus dürfte sich in Grenzen gehalten haben, nachdem Geurten noch zwei Tage vor der Eröffnung im Juni in einem Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ verkündet hatte: „Ich kalkuliere für die erste Saison mit 250 Besuchern täglich.“ Dann könne seine Klosterstadt Ende des Jahres eine „schwarze Null“ schreiben.

Die guten Vorsätze hielten gerade mal bis September. Dann kam der Hilferuf: Konkret brauche die Klosterstadt 50.000 Euro Soforthilfe sowie weitere 210.000 Euro, um für den Rest des Jahres über die Runden zu kommen, konnten die erstaunten Meßkircher im September im Lokalteil ihrer Zeitung lesen. Und das, obwohl bereits am 11. November auf der Baustelle die Winterpause beginnt.

Bert Geurtens Erklärung für die prekäre Lage: „Die Mittel vom Land und von der EU sind weg. Die sind alle in die Infrastruktur geflossen. Die durften wir gar nicht für Personalausgaben verwenden. Aber unsere 27 Mitarbeiter verursachen 45.000 Euro Lohnkosten im Monat. Und die Verträge laufen bis zum 31. Dezember weiter.“

Auch im Rathaus herrsche ob der aktuellen Entwicklung eine gewisse „Alarmstimmung“, berichtete die „Schwäbische Zeitung“. Erste Konsequenz: Beratungen des Gemeinderates zur Baustelle draußen vor der Stadt finden neuerdings hinter verschlossenen Türen statt. Entsprechend verärgert soll Bürgermeister Arne Zwick gewesen sein, als durchsickerte, dass es heftige Diskussionen um die Frage gegeben habe, ob die Stadt angesichts der Finanzklemme einspringen solle oder nicht.

Es könne nicht sein, „dass die Stadt da zigtausende Euro in den Sand setzt“, soll sich ein Gemeinderatsmitglied nichtöffentlich echauffiert haben. Im Amtsblatt der Stadt vom 27. September kündigte der Bürgermeister dem „Kloster-Flüsterer“ daraufhin „angemessene Konsequenzen“ an.

Letztlich stimmte der Gemeinderat aber mehrheitlich zu: Die beantragten 50.000 Euro Soforthilfe wurden gewährt. Das war am 17. Septem- ber. Am 15. Oktober legte die Bürgervertretung in einer ebenfalls nicht-öffentlichen Sitzung nach und sagte Bert Geurten für sein Klosterstadtprojekt in diesem Jahr einen Nachschlag von 170.000 Euro und für das nächste Jahr weitere 15.000 Euro zu.

Als „ernst, aber nicht schlecht“, soll Bürgermeister Arne Zwick die Lage auf der Mittelalter-Baustelle bezeichnet haben. Geurten versprüht unterdessen weiter unerschütterlichen Optimismus: „Ganz ehrlich: Ich bin froh und überzeugt, dass das Projekt ein Erfolg wird.“

Die Finanzen sind nicht das einzige Problem für den Alsdorfer Visionär. Noch vor dem offiziellen Baustart hatte Fachberater Andreas Sturm im April nach siebenjähriger ehrenamtlicher Mitarbeit die Zusammenarbeit mit dem Klosterbauverein eingestellt.

Der in Aachen lebende Living-History-Experte, der nach Angaben von Bert Geurten als „Mittelalter-TÜV“ die wissenschaftliche Zuverlässigkeit des „Campus Galli“ garantieren sollte, hatte sich wegen konzeptioneller Mängel und zahlreicher historischer Fehler des Vorhabens kopfschüttelnd abgewandt, nachdem der Vereinsvorstand – also Bert Geurten – in fachwissenschaftlichen Fragen das letzte Wort behalten wollte.

Auch die Mitglieder einschlägiger Mittelalter-Foren im Internet wie hiltibold.blogspot.de übertreffen sich mit Kritik am „Campus Galli“. Bert Geurten: „Die Blogs lese ich nicht mehr. Das sind alles Neider. Die sind so widerlich und so hinterhältig.“ Die von ihm befragten Baustellen-Besucher seien mit dem Gebotenen durchweg zufrieden.

Es gibt allerdings auch Gäste, die anderer Meinung sind. „Es ist eine Baustelle, die keine Baustelle ist, weil nichts gebaut wird“, kritisiert eine Insiderin, die namentlich nicht in der Zeitung genannt werden möchte. „Da durchzugehen und jemandem zuzusehen, der ein Brett durchsägt, ist nicht so spannend.“

Wo ist der Bauantrag?

Dass auf der Baustelle längst nicht alles rund läuft, verdeutlicht ein weiteres Beispiel: Der zuletzt für September angekündigte Bau einer kleinen Holzkapelle, die die Handwerker als erstes Bauwerk in Angriff nehmen wollten, wird wohl erst im kommenden Jahr beginnen.

Das 11,5 mal 6,5 Meter große Bethäuschen soll der Vorläufer der Steinbasilika werden, in der einmal Platz für 2000 Menschen sein wird. Der Bauantrag sei gestellt, berichtet Bert Geurten, auf der Baustelle sei man bereits dabei, die Balken für das Kirchlein zurechtzusägen.

Seltsam nur, dass beim Zuständigen Landratsamt in Sigmaringen niemand von dem Vorgang weiß. Lars Patrick Berg, Sprecher der Behörde, teilte am Montag auf Anfrage schriftlich mit: „Anträge auf Erteilung einer baurechtlichen Genehmigung, namentlich der angesprochenen Kirche/Kapelle, liegen hier bis heute nicht vor. Im Gegenteil: Herr Geurten hat beim Fachbereich Recht und Ordnung im Landratsamt Sigmaringen eine gaststättenrechtliche Erlaubnis beantragt.

Nachdem kein Gebäude ersichtlich war, für das eine solche Genehmigung hätte erteilt werden können, wurde Herr Geurten gebeten, einen entsprechenden baurechtlichen Genehmigungsantrag einzureichen, bis heute trotz Mahnung Fehlanzeige.“

Für Meßkirch könnte der Ausflug ins Mittelalter ein teurer Spaß werden. Der Zuschussbedarf ist in diesem Jahr mit 240.000 Euro statt geplanten 70.000 Euro erheblich aus dem Ruder gelaufen. Für nächstes Jahr hat die Stadt bisher nur 65.000 Euro eingeplant.

Den Rest müssen die Besucher bringen. Bert Geurten setzt dabei neben den Einzelbesuchern auf Bustouristen, Betriebe und Schulen. Er ist unerschütterlich zuversichtlich: „Die Verhandlungen mit den Busunternehmen laufen. Außerdem haben wir nächstes Jahr 90 Tage länger geöffnet. Das wird eine ganz andere Saison als in diesem Jahr.“

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