Region - Das Kloster Kamp als Inspiration für Sanssouci

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zur Webansicht Mo. 11.12.2017

Das Kloster Kamp als Inspiration für Sanssouci

Von: Martin Thull
Letzte Aktualisierung:

Region. Das Klosterleben vergangener Jahrhunderte mag uns Heutigen gelegentlich bizarr erscheinen. Denn einerseits haben die Klöster wesentlich zur Zivilisation Europas beigetragen – wie eindrucksvoll eine Ausstellung im Landesmuseum Bonn belegt.

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Kamp_BarockgartenunterhalbTerrassengartens

Die Mönche rodeten Wälder und legten Sümpfe trocken, sie trieben Handel mit dem angebauten Getreide und Gemüse, mit Fischen und Wein. Wahrscheinlich unterrichteten sie die Bewohner der umliegenden Gehöfte und Dörfer und trugen so auch zur Bildung der Bevölkerung bei. Neben der Seelsorge natürlich.

Andererseits: Sie bauten herrliche menschenfreundliche Architektur, die bis heute begeistern kann. Die Abtei Maria Laach steht stellvertretend für vieles. Vom Kloster Kamp am Niederrhein ist es weniger die Kirche, die in ihrer heutigen Form dem 17. Jahrhundert entstammt, nachdem die Vorgängerbauten der Zeit zum Opfer fielen.

Kloster Kamp ist deshalb einen Ausflug wert, weil die Terrassengärten und der anschließende Barockgarten in dieser Form einzigartig sind. Und für ein Kloster doch eher ungewöhnlich, haben sie doch allein den Zweck, Freude zu machen. Man mag glauben, dass der Abt damals auch den Lobpreis von Gottes Schöpfung in dieser ausgefeilten Ästhetik im Blick hatte. In ihrer Form- und Farbenpracht sind sie, vor allem auch gemeinsam mit dem „Alten Garten“ und dem „Kräutergarten“, unbedingt sehenswert.

Zu viele Mücken

Wie so oft in der Geschichte erlebte Kloster Kamp Höhen und Tiefen. Und das im wörtlichen Sinn: Denn ursprünglich wollten die Gründerväter – der Ordenstradition der Zisterzienser entsprechend – im Tal siedeln. Doch das Gelände war sumpfig und lockte dermaßen viele Mücken an, dass an ein Leben dort nicht zu denken war.

Also zog man auf den nahe gelegenen Hügel. Das sollte sich Jahrhunderte später auszahlen, als der 1740 amtierende Abt einen Terrassengarten anlegen ließ. Wahrscheinlich muss es solche Männer zu ihrer Zeit geben: in gewisser Weise skrupellos, Regeln verletzend, aber auch mit einer Vision. Und das mit der Folge, dass wir heute uns an deren damals umstrittenen Aktivitäten erfreuen können. Beispielsweise war Franziskus Daniels aus Grevenbroich solch ein Mann.

Von 1733 bis 1749 war er Abt des Klosters Kamp. Zeitgenossen schildern ihn als einen Mann von „großer Tatkraft und seltener Energie“ sowie mit großem Rednertalent. Er sei gewandt im Auftreten nach außen gewesen. Und ein „Freund vom Pomp und Prachtentfaltung“. Seine Kutsche zogen vier schwarze Hengste. Wohlgemerkt: Er war Abt eines Zisterzienserklosters; ein Zweig des Benediktinerordens, der nach dem Motto „Bete und arbeite!“ lebte und wirkte.

Friedrich II. in Moyland

Im Jahr 1740 gab Abt Franziskus den Auftrag zum Bau einer Prälatur und zur „Verschönerung des Terrassengartens“. Solche Gärten waren so etwas wie die vorherrschende Mode dieser Zeit. Und der von Kloster Kamp bekommt deshalb eine besondere Bedeutung, weil 1740 Kronprinz Friedrich, der spätere König Friedrich II., den Niederrhein bereiste, um sich auf Schloss Moyland bei Kleve mit dem französischen Philosophen der Aufklärung Voltaire zu treffen.

Auf dem Weg fuhr er am Kamper Terrassengarten vorbei und entwarf daraufhin den Plan von Sanssouci. Und ist es da sehr weit hergeholt, dass er sich inspirieren ließ für Bau und Garten von Schloss Sanssouci in Potsdam vier Jahre später? Jedenfalls gibt es verblüffende Ähnlichkeiten. Zudem mochte diese Art Vorbildfunktion auch der Eitelkeit des ehrgeizigen Abtes gedient haben.

Die eigentlichen Terrassen bestehen aus fünf großen Abstufungen mit einer konvexen und konkaven Ausformung an beiden Seiten der Treppe. Hervorstechend sind die Eiben, die in steiler Pyramidenform geschnitten sind. Besonders prägend ist bis heute auch der Barockgarten.

Er wurde allerdings, nachdem er jahrzehntelang verfallen war, erst ab 1985 nach den ursprünglichen Plänen wiederhergestellt. Und stellt heute eine gärtnerische Attraktion dar. Geometrische Formen mit verschiedenfarbigen Pflanzen bilden aufwendige Muster. In der Mitte des Terrassengartens befindet sich ein rundes Wasserbassin mit einem Springbrunnen. Gärtner der Stadt Kamp-Lintfort sorgen für das propere Aussehen.

Im „Alten Garten“

Die Terrassengärten mit der markanten Treppe sind allerdings nur eine der botanischen Sehenswürdigkeiten. Der sogenannte Alte Garten ist nach einem Pflanzkonzept angelegt, das sich an den Blütenfarben orientiert: Apricot, Orange und Braun mit Orange, Feuerrot und Sonnengelb, Hellgelb mit Weiß, Weiß und Grün, Purpur, Pink und Violett mit Rosa, Blau mit Weiß und Silber sowie Blau – fast alle Farben des Malkastens der Natur sind hier vertreten und offenkundig so gepflanzt und gepflegt, dass sie während der Sommermonate ein Farbenfeuerwerk bieten.

Zwischen Terrassengärten und Altem Garten ist ein kleiner Kletterpark mit Bänken für die Eltern, während die Kinder toben: Hängebrücken, Rutsche und Balancierbalken. Ansonsten ist das Angebot für Kinder eher gering, sieht man einmal von den vier Sonnenuhren ab, die auf dem Zwischenpodest die ursprünglichen, aber verloren gegangenen Skulpturen abgelöst haben. Und der Garten des Spendencafés – der Besucher zahlt, was ihm sein Verzehr wert ist – birgt eine Voliere mit vielen bunten kleinen Vögeln, deren Treiben gut zu beobachten ist.

Weithin sichtbar ist heute die große Abteikirche mit ihren zwei charakteristischen Zwiebeltürmen im Osten, ein Zugeständnis an den barocken Zeitgeschmack. Zudem sind die schmucken Türmchen ungewohnte dekorative Architekturelemente für Zisterzienser, die ihre Kirchbauten gemeinhin nur mit einem Dachreiter versehen. Die Kirche selbst stammt aus dem 17. Jahrhundert und ersetzt den ursprünglichen Bau aus dem 12. Jahrhundert.

Aufmerksamkeit verdienen die Putten im Chorgestühl von 1699 – jeder Kopf ist individuell anders gestaltet. Nach der Säkularisierung und Aufgabe des Klosters 1802 wurden die Klosteranlagen von 1954 bis 2002 von Karmelitern genutzt. Seitdem beherbergt das frühere Kloster das „Geistliche und Kulturelle Zentrum Kloster Kamp“, mit einer Vielfalt von religiösen, spirituellen und kulturellen Angeboten. Der dritte hervorzuhebende Garten ist der „Kräutergarten“ östlich der Abteikirche. Hier werden einzelne Kräuter auch zum Kauf angeboten. Insgesamt ein gutes Fundament für die Landesgartenschau, die 2020 in Kamp-Lintfort ausgerichtet wird.

Im Museum

Einerseits: Man könnte sich die Umgebung von Kloster Kamp am Niederrhein auf der Liste der Weltkulturerbestätten vorstellen – bei großzügiger Auslegung. Andererseits ist nur wenig Original erhalten, seit das Kloster als das erste Zisterzienserkloster im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Jahre 1123 gegründet wurde. Immerhin kann das Kloster auf einen Stammbaum von rund 80 Tochter- und Enkelgründungen verweisen. Zu entdecken im „Museum Kloster Kamp“, der einzige Ort, an dem Eintritt bezahlt werden muss.

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