Erkelenz/Merzenich/Kerpen/Rath - Braunkohle-Proteste: Menschenkette für den Ausstieg

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zur Webansicht Mo. 18.12.2017

Braunkohle-Proteste: Menschenkette für den Ausstieg

Von: ger/gego/pol/dpa
Letzte Aktualisierung:

Erkelenz/Merzenich/Kerpen/Rath. Die Proteste gegen die Braunkohletagebaue sind am Samstag fortgesetzt worden. Tausende Demonstranten bildeten friedlich eine symbolische „rote Linie” gegen den Tagebau Hambach. Bei Rath besetzten Aktivisten Gleise der Nord-Süd-Kohlebahn.

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Bürger gegen Kohle: 3000 Bürger stellen sich in Nordrhein-Westfalen symbolisch mit einer Menschenkette den Braunkohlebaggern von RWE in den Weg. Foto: Steindl

Gegen Mittag lief eine Gruppe von mehr als 1000 Personen aus dem angemeldeten Dauercamp „Campen gegen Kohle” aus Bedburg zu den Bahngleisen der Hambachbahn (Nord-Süd-Bahn) bei Neurath. Die Mehrzahl war mit weißen Maleranzügen bekleidet. Viele trugen Rucksäcke, Isolationsmatten, Mundschutz, Schutzbrillen und zum Teil mit Stroh gefüllte Säcke. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei gelang es Teilen der Gruppe, auf die Gleise der Nord-Süd-Bahn zu kommen. 

Die Hambachbahn (Nord- Süd- Bahn) wurde von etwa 300 Aktivisten zwischen den Kraftwerken Niederaußem und Neurath an drei Stellen blockiert. Der Betrieb wurde eingestellt. Die Polizei verhinderte außerdem den Versuch einer etwa 600 Personen starken Gruppe in direkter Nähe eine vierte Gleisblockade zu errichten. Mehrere Versuche die Absperrungen gewaltsam zu durchbrechen wehrten die Beamten ab. Im Laufe der Abendstunden löste die Polizei alle Blockaden auf, nahm die beteiligten Personen in Gewahrsam und verbrachte sie zu den Gefangenensammelstellen.

Aufgrund der Unwegsamkeit des Geländes musste der Transport teilweise auf dem Gleisweg mit polizeilich in Anspruch genommenen Zügen von RWE erfolgen. Nach Feststellung und Überprüfung ihrer Personalien konnten alle Personen entlassen werden.

Die angemeldeten Veranstaltungen seien bisher friedlich verlaufen. Bei den zahlreichen Schienen-Blockaden handele es sich aber um Straftaten, die zur Anzeige gebracht würden. Auch rund um das RWE-Kraftwerk Neurath gab es, wie bereits gemeldet, mehrere friedliche Sitzblockaden. Die Teilnehmer lösten diese im Laufe des Abends selber auf.

Bei Einbruch der Dunkelheit waren alle Straßen, Zufahrten und Bahnstrecken wieder frei.

Es sei „abscheulich”, dass am Tagebau Hambach Einsatzwagen der Polizei mit Schleudern und Feuerwerkskörpern beschossen worden seinen. „Da saßen Menschen drinnen.” Es sei niemand verletzt worden. Ein Polizeifahrzeug wurde beschädigt. Man habe auch sogenannte Krähenfüße, mit denen die Reifen der Mannschaftwagen aufgeschlitzt werden sollten, gefunden - rechtzeitig. Der Angriff von Unbekannten war in der Nacht zu Samstag aus dem Hambacher Wald heraus erfolgt. Der nach Einschätzung von Umweltschützern uralte und schützenswerte Wald wird für den Braunkohletagebau Hambach seit Jahren Stück für Stück abgeholzt.

Umweltverbände, Grüne und rund 3000 Bürger haben in Nordrhein-Westfalen mit einer Menschenkette ihre Forderung nach einem Kohleausstieg in Deutschland untermauert. Am rheinischen Tagebau Hambach formierten sich die in Rot gekleideten Teilnehmer gegen 13.30 Uhr zu einer zwei Kilometer langen Linie, um dem Energiekonzern RWE „Bis hierhin und nicht weiter” zu signalisieren. Nordrhein-Westfalen dürfe höchstens ein Viertel der vorgesehenen Kohle-Mengen abbauen, damit Deutschland seine Klimaschutzziele einhalten könne, sagte der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Hubert Weiger.

Die Bemühungen zum Erreichen der Klimaschutzziele müssten verstärkt werden: „Wir brauchen ein Kohleausstiegsgesetz, wir brauchen Strukturmaßnahmen für die Menschen, für die Region, Arbeitsplätze und einen Schub für die Energiewende”, forderte der BUND-Vorsitzende im Dorf Kerpen-Manheim, das von 2023 an für den Tagebau Hambach abgebaggert werden soll.

An der Menschenkette nahmen auch die Grünen-Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir sowie die Parteivorsitzende Simone Peter und Fraktionschef Anton Hofreiter teil. Neben dem BUND hatten Greenpeace und die Umwelt-Allianz Deutschland zu der Aktion aufgerufen.

„Wir haben mit der Bundesregierung die Erfahrung gemacht, dass der Einstieg in den Kohleausstieg nicht möglich wird”, kritisierte Weiger. Der Kohleausstieg müsse ganz oben auf der Agenda der nächsten Bundesregierung stehen.

Die Menschen standen entlang der alten A4-Trasse, wo die Linie ohne große Lücken gebildet wurde. Es gab keine Zwischenfälle.

Am frühen Samstagmorgen blockierten sechs Aktivisten Bahnschienen zwischen Paffendorf und Niederaußem nahe der Bundesstraße 477. Die Polizei forderte die Blockierer mehrfach auf, das Gleis zu verlassen. Daraufhin begaben sich zwei Personen freiwillig von den Gleisen; vier weitere ließen sich von Beamten aus dem Gefahrenbereich tragen. Zwei Aktivisten hatten sich durch eine Blechtonne miteinander verbunden. Die Tonne war mit einer zementartigen Masse gefüllt, so dass die Personen befreit werden mussten. Die Beamten rücken mit Werkzeug an. Gegen 9.30 Uhr sei die Bahn wieder frei gewesen.

Die Polizei nahm die sechs Personen in Gewahrsam und fertigte Strafanzeigen wegen Verdachts des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr gegen sie. Die Ermittlungen dauern an.

Wegen der Blockaden hatte der RWE-Konzern in einem Kraftwerk die Leistung gedrosselt. Ein Unternehmenssprecher sagte am Samstag, nach mehreren Gleisbesetzungen auf der Strecke der Nord-Süd-Bahn für den Kohletransport sei die Leistung im Kraftwerk Neurath reduziert worden.

Unternehmenssprecher Jan Peter Circel betonte auf Anfrage, man könne aber nicht von einer „Störung” sprechen. Im Kraftwerk Neurath sei die Leistung in vier Blöcken - insgesamt gibt es sieben - gesenkt worden. „Wir haben das gemacht, um Kohle zu sparen.”

Am Samstagmittag hob der RWE-Energiekonzern die Drosselung der Leistung wieder auf. Man habe beschlossen, die reduzierte Leistung im Kraftwerk Neurath sofort wieder auf Normalniveau anzuheben, sagte ein RWE-Sprecher der Deutschen Presse-Agentur am Samstag. Laut Sprecher sind alle Kraftwerke des Konzerns ausreichend mit Kohle versorgt.

Eine Sprecherin von „Ende Gelände“ wertete den Freitag als Erfolg für das Protestbündnis. Am Freitag hatten die Aktivisten Teile der Braunkohleinfrastruktur im Rheinischen Revier blockiert.

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