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zur Webansicht So. 30.04.2017

Ein langer Weg bis zur Familienidylle

Von: Katrin Fuhrmann
Letzte Aktualisierung:

Nordeifel/Städteregion. Vorsichtig streicheln Petra und Ralf (Namen von der Redaktion geändert) den Flaum auf dem kleinen Kopf des Säuglings. Der kleine Nils liegt bei Petra im Arm. Mit zierlichen Fingern greift er in die Luft. Ralf strahlt über das ganze Gesicht. Er legt den Arm um seine Frau und das Kind. Eine perfekte Familienidylle.

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Ein Kind zu adoptieren ist gar nicht mal so leicht: Die Adoptionsvermittlungsstelle prüft, ob Paare für eine Adoption in Frage kommen. Ebenso muss das Kind auch zu seinen künftigen Eltern passen, denn das Wohl des Kindes hat Priorität. Foto: stock/Westend61

Doch bis zu diesem Moment haben Petra und Ralf einen langen und harten Weg zurückgelegt. Das Paar kann keine leiblichen Kinder bekommen. Den Kinderwunsch hat es dennoch nie aufgegeben. Nun möchten Petra und Ralf den kleinen Nils adoptieren. Nils‘ leibliche Mutter, die 16-jährige Sarah, will ihren Sohn nicht groß ziehen.

Ihr fehlt das Geld, um ein kleines Kind zu versorgen. Den Vater ihres Kindes kennt sie nicht. Sie fühlt sich überfordert. Doch das Ungeborene abzutreiben, kam für Sarah nie in Frage. Frauen wie Sarah, die ihr Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben, gibt es immer wieder. Gleichzeitig gibt es Menschen, die wie Petra und Ralf keine leiblichen Kinder bekommen können.

Alternativen aufzeigen

In der Städteregion Aachen wurden im vergangenen Jahr 19 Kinder adoptiert – 2013 waren es noch 23. Dazu zählen neben der Adoption von Säuglingen bis zu einem Jahr, auch die Adoption älterer Kinder durch Pflegeeltern sowie Erwachsenen-, Auslands- und Stiefelternadoptionen.

Auch bundesweit ging die Zahl der Adoptionen in den vergangenen Jahren zurück. 2013 wurden demnach 3793 Kinder adoptiert – 2,4 Prozent weniger als 2012. Den Rückgang erklären Experten vor allem damit, dass Alleinerziehende keine „Randgruppe“ – wie noch vor einigen Jahren – darstellen. In Notsituationen können sie vielfältige Betreuungs- und Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Zudem werden ihnen häufig auch Alternativen und Lösungsvorschläge aufgezeigt. Es sind vor allem finanzielle und psychische Gründe, die Mütter dazu zwingen ihr Kind zur Adoption freizugeben.

Damit Mütter aus Verzweiflung nichts Unüberlegtes tun, bietet die Adoptionsvermittlungsstelle der Städteregion Aachen Beratung und Unterstützung an. „Viele Eltern, die zu uns kommen, haben Angst vor Ablehnung. Den Eltern vertrauensvoll aufzuzeigen, dass wir niemanden für seine Entscheidung verurteilen und ihnen helfen werden, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit“, betont Regina Eiermanns, Diplom-Sozialarbeiterin.

Die Gespräche mit den werdenden Eltern seien meistens hoch emotional, denn es sind nicht zuletzt schwierige Lebenslagen, die abgebende Eltern zu so einer Entscheidung zwingen. Gemeinsam mit den Müttern und Vätern sucht die Adoptionsvermittlungsstelle nach einer Lösung, die am besten für das Kind ist.

Zwar werden mögliche Schritte nach der Geburt schon im Vorfeld besprochen, doch die Geburt wird zunächst abgewartet. Ob das Kind wirklich zur Adoption freigegeben werden soll, kann frühestens acht Wochen nach der Geburt des Kindes beschlossen werden. So haben die leiblichen Eltern zumindest theoretisch die Chance, eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen. Denn ist das Adoptionsverfahren einmal in Gang, gibt es kaum noch einen Weg zurück. Wer sich für die Freigabe seines Kindes entscheidet, tut dies unwiderruflich. „Es kommt auch vor, dass Mütter und Väter eine emotionale Bindung zu ihrem Kind aufbauen und die Adoption bedenken möchten“, sagt Gerlinde Waldeck, Diplom-Pädagogin.

Auf der anderen Seite ist die Adoptionsvermittlungsstelle auch für Paare wie Petra und Ralf zuständig, die sich entschieden haben, ein Kind zu adoptieren. Der naheliegende und wohl auch häufigste Grund, ein Kind zu adoptieren, ist der unerfüllte Kinderwunsch. Die Adoption eines Kindes ist jedoch mit enormem Aufwand verbunden. Denn Adoptiveltern müssen im Vorfeld zahlreiche Voraussetzungen erfüllen, damit sie ein Kind aufnehmen dürfen.

Dabei sind, neben den räumlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, vor allem die emotionale Stabilität sowie der Charakter, die Gesundheit und die sozialen Gegebenheiten von Bedeutung. Zudem dürfen Adoptiveltern keine Straftaten begangen haben.

In umfangreichen Schulungen werden die künftigen Eltern bis zur Aufnahme des Kindes begleitet. Denn ein Kind muss auch immer zu den Eltern passen. „Wir suchen Eltern für Kinder. Natürlich sind wir hier nicht bei ‚Wünsch dir was‘. Aber Adoptiveltern können im Vorfeld zum Beispiel angeben, ob sie lieber einen Jungen oder ein Mädchen haben möchten, wobei dies für die meisten Adoptiveltern ohne Bedeutung ist. Es gibt auch Paare, die kein krankes Kind adoptieren möchten. Da versuchen wir schon drauf einzugehen“, sagt Waldeck.

Von der ganzen Familie akzeptiert

Ebenso muss das Kind sich bei den Eltern wohlfühlen, es muss eine Bindung zu seiner neuen Familie aufgebaut haben und es muss erkennbar sein, dass es von der gesamten Familie akzeptiert wird und ein liebevolles Zuhause geschaffen wurde. Eine bundesweite Empfehlung besagt außerdem, dass der Altersunterschied zwischen dem Kind und den Eltern nicht höher als 40 Jahre sein soll. Das kann bedeuten, dass manche Bewerber irgendwann aus dem Raster fallen, bevor ein „passendes“ Kind gefunden wird. Es gibt also keine Garantie, dass eine Adoption auch wirklich klappt. Auf ein geborenes Kind kommen rund fünf interessierte Adoptiveltern. Manchmal bleiben Wünsche einfach nur Wünsche. Aber die Adoptionsvermittlungsstelle versucht auch hier Alternativen aufzuzeigen.

Petra und Ralf haben es geschafft. Die Adoptionsvermittlungsstelle hat für das Kind die passenden Eltern gefunden. Jetzt gilt es noch einige bürokratische Schritte zu überstehen, bis Nils auch auf dem Papier ihr Kind ist. Der Ablauf einer Adoption ist grundsätzlich immer der gleiche: Wenn sich die leiblichen Eltern für eine definitive Adoption entscheiden, wird das Einverständnis in die Adoption notariell beurkundet. Ab diesem Zeitpunkt haben abgebende Eltern keine Möglichkeiten mehr, das Verfahren rückgängig zu machen. Vom Familiengericht ergeht der Beschluss, dass ein Vormund eingesetzt wird.

Die Adoptiveltern werden rund zwei Jahre von der Adoptionsvermittlungsstelle begleitet. Danach geht der Fall zum Familienrichter, der nach ausführlicher Besprechung mit der Vermittlungsstelle und einer Anhörung der Adoptiveltern eine Entscheidung treffen muss. „Wir appellieren an die Adoptiveltern, dass sie ganz offen mit der Adoption umgehen. Dem Kind frühestmöglich zu vermitteln, dass es gewollt ist, spielt hierbei eine wichtige Rolle“, sagt Raimund Lanser, stellvertretender Leiter des Amtes für Kinder, Jugend und Familienberatung der Städteregion. Immerhin hätten sich die abgebenden Eltern gegen einen Schwangerschaftsabbruch und für das Leben des Kindes in einer Adoptivfamilie entschieden, was ein großes Verantwortungsbewusstsein der Mütter und Väter zeige.

Gesetzlich haben Kinder ab dem 16. Lebensjahr das Recht, Einsicht in die Adoptionsunterlagen zu fordern. Immer mehr Kinder nutzen dieses Angebot, um ihre Wurzeln zu finden. Dabei spielt es keine Rolle, für welchen Adoptionstyp sich die abgebenden Eltern bei der Adoption entschieden haben. „Meistens haben die leiblichen Eltern die Existenz ihres Kindes verdrängt oder wollen auch nach Jahren keinen Kontakt zu ihren Kindern“, bedauert Brigitte Huppertz, Diplom-Sozialarbeiterin.

Hoffnung auf Verständnis

In einzelnen Fällen gebe es abgebende Eltern, die nach Jahren versuchen Kontakt zu ihrem erwachsenen Kind herzustellen. Vielen Eltern ist es wichtig, ihre Motive zur Freigabe ihres Kindes, beispielsweise in der Jugend, zu erklären – meistens in der Hoffnung auf Verständnis beim abgegebenen Kind.

Petra und Ralf haben Nils mittlerweile seit zehn Monaten. In einer Woche feiert Nils seinen 1. Geburtstag. Bald soll die Adoption endgültig besiegelt werden: Es ist aber eigentlich nur noch der Stempel, der fehlt, denn die vergangenen zehn Monate haben der Adoptionsvermittlungsstelle gezeigt: Das passt perfekt.

Gesprächsangebote für adoptionswillige Paare

Die Adoptionsvermittlungsstelle der Städteregion Aachen bietet Beratung und Hilfe bei Fragen rund um das Thema Adoption (Inlands- und Auslandsadoption sowie Stiefeltern-, Verwandten- und Pflegekindadoption). Sie bietet zudem Gesprächsangebote für Mütter und Väter, die überlegen, ihr Kind zur Adoption freizugeben oder freigegeben haben.

Sie prüft die sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Annahme von Adoptivkindern und bereitet Adoptiveltern in einem Seminar auf die Aufnahme eines Kindes vor. Sie unterstützt außerdem erwachsene Adoptierte bei der Suche nach ihren leiblichen Angehörigen sowie Eltern bei der Suche nach ihren erwachsenen Kindern.

Sie finden die Adoptionsvermittlungsstelle für die Städteregion Aachen im Technologiepark Herzogenrath, Kaiserstraße 100, Gebäude TPH 3, Eingang A, in Herzogenrath-Kohlscheid.

Ansprechpartnerinnen: Regina Eiermanns (für Eschweiler, Monschau, Roetgen, Simmerath, Stolberg):
Telefon 0241/51982661 , Brigitte Huppertz (für Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath, Würselen): Telefon 0241/51982397, Gerlinde Waldeck (für die Stadt Aachen): Telefon 0241/51982248.

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