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zur Webansicht Mo. 23.10.2017

Museen und die Besucherflaute: „Dann müssen wir auch mal reinbuttern“

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Soll ja immer noch vorkommen, dass die Experten in den Kellern der Kulturhorte über faszinierende Objekte stolpern. Der Stein der Weisen war bislang bekanntlich nicht dabei. Seit Jahr und Tag zerbrechen sich nicht nur die Kommunalpolitiker die Köpfe darüber, wie man mehr Menschen in die Museen locken kann.

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Schwierige Gemengelage: Viele Faktoren sind beim Blick auf die Besucherbilanzen der städtischen Museen zu berücksichtigen. Klar ist, dass derzeit nur das Ludwig Forum (im Bild unten rechts) wachende Zahlen verzeichnet. Die Suche nach neuen Konzepten und Geldgebern ist im vollen Gang. Foto: Herrmann, Steindl, Lachmann, Jaspers, Hoog, Schmitter

Größere Vielfalt, klügeres Marketing, Mut zu neuen Formaten – so kann man die Postulate angesichts der im Ganzen deprimierenden Bilanz in Sachen Besucherzahlen zusammenfassen. Die Diskussion ist fast so alt wie der Mythos vom stumpfen, tief versunkenen Mineral, das sich quasi im Handumdrehen in kostbares Gold verwandeln ließe.

Zu derlei „unterirdischen“ Bildern und Vergleichen neigt Dr. Dirk Tölke allerdings nicht – normalerweise. Zumal nur wenige einen derart guten Überblick über die regionale Kulturlandschaft besitzen wie er. Die Zahl der Ausstellungen und kreativen Konzepte, die der gelernte Kunsthistoriker und -dozent tausenden Interessierten mit kundigen Referaten erläutert hat, ist Legion. Unterdessen sind die Besucherzahlen in den Museen – abgesehen vom Forum – im ersten Halbjahr 2017 um 17 bis 24 Prozent zurückgegangen.

An der Jülicher Straße wuchs die Resonanz um das Anderthalbfache. Was also fordern Kunstschaffende und -kenner wie Tölke, wie beurteilen Fachleute von außerhalb der Institutionen die aktuelle Misere, welche Ideen und Vorschläge haben sie im Ringen um nachhaltige Verbesserungen, welche Beiträge können sie leisten? Die AZ hat sich, freilich ohne Anspruch auf Repräsentativität, umgehört.

Gute Angebote kosten gutes Geld

Tölke, seines Zeichens auch Vorstandsmitglied im Museumsverein, erlaubt sich da erst mal ein paar Gegenfragen – von wegen unterirdisch: „Diskutieren wir etwa ständig darüber, ob es sinnvoll ist, das Kanalnetz zu finanzieren? Fordert der Bildungsauftrag nicht ebenso wichtige permanente Investitionen?“ Ob nun die Erhöhung der Eintrittsgelder und/oder die Verkürzung der Öffnungszeiten zum Jahreswechsel ursächlich seien für die substanziellen Verluste – diese Frage treibt ihn weniger um.

Das Problem sei viel komplizierter. Eines aber sei klar: „Wenn wir uns dem allgemeinen Bedeutungsverlust der Kultur entgegenstellen wollen, müssen wir auch mal reinbuttern. Gute Angebote kosten halt Geld.“ Mehr Geld als die knapp 4,5 Prozent, welche dem Kultursektor derzeit im städtischen Budget eingeräumt würden.

„Männer wie Peter van den Brink vom Suermondt-Ludwig-Museum oder Andreas Beitin vom Ludwig Forum haben ja längst bewiesen, dass sie gute Ausstellungen konzipieren können, und sie sind bestens vernetzt“, findet Tölke. Auch die pädagogischen Angebote seien gut. Allerdings widme man sich etwa im Suermondt-Ludwig-Museum allzu sehr den alten flämischen Meistern, lasse zu wenig Platz für Neues.

Ein Altmeister gänzlich anderer Provenienz formuliert die Kritik viel härter. „Künstler aus der Region sind aus den Museen verbannt worden“, wettert der Würselener Bildhauer Albert Sous. „Früher haben wir Ausstellungen im Suermondt-Ludwig oder auch im Couven-Museum machen können – und da war die Bude voll.“

Inzwischen sei der Gesprächsfaden zwischen „Institutionen“ und „Unabhängigen“ vielfach abgerissen, moniert auch Gerd-Dieter Schopp, Leiter der Galerie Hexagone in der Schützenstraße. „Zu unserem 25-jährigen Jubiläum haben wir 2015 eine große Schau mit Beiträgen international hochrenommierter Künstler im Forum organisiert“, erzählt er. Seinerzeit war Brigitte Franzen bereits nicht mehr Direktorin, Beitin war noch nicht da.

Leider habe die Stadt am Ende ihre Zusage nicht eingehalten: „Wir konnten die Präsentation nicht, wie verabredet, in der zweiten Etage machen. Wir mussten in den Eingangsbereich ausweichen, wo wir die Bilder nicht einmal aufhängen, sondern nur auf Staffeleien zeigen konnten.“ Erst nach einem veritablen Rechtsstreit habe die Stadt ihre Kostenforderung für das Projekt reduziert.

„Als wir zum Zehnjährigen – damals war Wolfgang Becker Museumschef – eine Präsentation im Space organisiert haben, mussten wir gar nichts zahlen.“ Überhaupt werde jungen Künstlern von internationalem Rang mittlerweile selbst in der alten Schirmfabrik zu wenig Platz eingeräumt.

Zwar habe sich das Forum unter Führung von Beitin „wieder hervorragend gemausert“, meint Professor Wolfgang Becker, erster und (bis 2001) langjähriger Leiter des Hauses an der Jülicher Straße. Das sei natürlich auch dem Umstand zu verdanken, dass das Forum dank eines Sponsors seit Januar donnerstags gratis geöffnet ist. Aber: „Kunst ist heute einfach nicht mehr so aggressiv, nicht mehr so provokant“, weniger politisch aufgeladen als in den „wilden“ Jahren nach 1970.

Kontakte müssen besser werden

„Der kommerzielle Erfolg stand damals nicht derart im Mittelpunkt. Es wurde viel mehr diskutiert“, betont Becker. Zudem gebe es heutzutage viel zu wenige direkte Kontakte zwischen Museumsleitern, Galeristen, Künstlern, Politikern innerhalb der Stadt: „Die kennen einander vielfach gar nicht mehr. Das war zu meiner Zeit ganz anders.“

Er halte es grundsätzlich für viel besser, wenn die Museen überhaupt keinen Eintritt mehr verlangen müssten. „Das bringt unterm Strich finanziell sowieso nicht sehr viel. Wir brauchen einfach mehr externe Geldgeber in diesen Zeiten. Auch da müssen die Kontakte erheblich vertieft werden. Es gibt ja genug zahlungskräftige Unternehmen in der Region.“

Dabei besteht kein Zweifel, dass die Verantwortlichen im Kulturbetrieb und in der Politik den Bedarf längst erkannt haben – und verstärkt um potente Sponsoren, aktuell etwa für das Suermondt-Ludwig-Museum, buhlen. „Und es gibt ja tolle Angebote wie die lange Nacht der Museen, die wir öfter machen könnten“, findet Nadya Bascha, Leiterin des Atelierhauses.

Neue Kooperationen mit dem Forum seien zudem jetzt in Vorbereitung: „In den nächsten Tagen kommen wir mit Andreas Beitin zusammen, um Möglichkeiten auszuloten, neue Positionen von Künstlern aus der Region ergänzend zu den Ausstellungen an der Jülicher Straße zu präsentieren, die von einer gemeinsamen Jury ausgewählt werden könnten.“

Wohl auch nicht der Stein der Weisen. Aber einer, den man ins Rollen bringen könnte, um wieder mehr Leben in die Debatte zu bringen – und vielleicht sogar mehr Publikum in die Kunsthorte.

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