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Peer Steinbrück, der Stinkefinger und die Ironie

Ein Kommentar von Bernd Büttgens

Peer Steinbrück. Staunend schaut der Wahlbürger auf diesen sonderbaren Mann. Dass der scharfzüngige Kanzlerkandidat ein heller Kopf ist, muss nicht immer aufs Neue betont werden. Dass er ein Meister des Wortes ist, steht außer Frage. Und bissig ist er, zynisch, ironisch. Spätestens da hört jedoch für viele Wählerinnen und Wähler der Spaß auf. Ironie ist nicht jedermanns Sache.

Wie schwer wird es da erst bei der ironischen Geste! Und deshalb wird Peer Steinbrück mit seinem Stinkefinger-Foto auf dem Titel des Magazins der Süddeutschen Zeitung noch viel Freude kriegen. Was jetzt ironisch gemeint ist. Im Klartext, den der Kandidat so liebt: Dieser Fauxpas hätte dem Bewerber für das hochseriöse Amt des deutschen Regierungschefs nicht passieren dürfen. Dieses Foto wird ihm noch oft – natürlich aus dem Kontext seines Entstehens gerissen – auf die Füße fallen.

Ob Steinbrücks unglücklicher Wahlkampf durch falsche Berater zu erklären sei, wird seit Wochen diskutiert. Diesmal hat sich der Kandidat gegen den dringenden Rat seiner Medienexperten durchgesetzt. Die wussten nämlich, was ein solches Foto in diesem medial aufgeheizten Wahlkampfendspurt auslösen würde – in den klassischen Medien und erst recht im Netz.

Steinbrück wird es auch gewusst haben. Denn naiv ist er nicht. Er wird dem entgegenhalten, dass er sich bewusst so inszeniert und gerne zeigt, weil er auch Wählergruppen ansprechen möchte, die einen solchen Kanzler cool fänden. Mag sein. Da zockt der Kandidat. Seriös ist das nicht.

Erst recht nicht, wenn gerade von Steinbrücks Seite immer wieder ein Wahlkampf mit politischen Themen eingefordert wird. Klartext statt Geschwurbel. Der stark inhaltliche (Achtung, Ironie!) Stinkefinger will dazu nicht passen.

Erst die Kavallerie, dann die Clowns, jetzt der abfällig gestreckte Gruß an die Kritiker: Steinbrück tut das Unvermutete, ist, will man es positiv deuten, unkonventionell, vielleicht auch kantiger als die anderen. Das mag unterhaltsam sein, aber eine Kanzlerqualität ist es sicher nicht.

Was einst die Nationalmannschaftskarriere des Fußballers Stefan Effenberg beendete, der Stinkefinger Richtung kritisches Publikum, wird auch Steinbrück schaden. Zumal die Geste, diese vermeintlich spontane, diese ironische nonverbale Antwort auf eine nervende Frage, tatsächlich ungehörig ist. Auch dann, wenn sie ironisch gemeint ist. Im Straßenverkehr wird sie mit einer satten Geldstrafe bis zu 4000 Euro belegt, den Kandidaten wird sie reichlich Stimmen kosten.

Ein sonderbarer Mann, der Steinbrück. Man wird nicht schlau aus ihm. Inhalte und Auftreten gehen nicht zusammen. Das ist sein Problem.

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