Nüchterne Disziplin: Die Karlspreisträgerin ist effizient. Und so redet sie.

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Nüchterne Disziplin: Die Karlspreisträgerin ist effizient. Und so redet sie.

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Was um Himmels willen kann uns die Karlspreisträgerin aus Litauen mit auf den Weg in die europäische Zukunft geben? Mancher mag sich das vor und am Christi-Himmelfahrtstag gefragt haben. Wer der feinsinnigen, präzisen und en détail die Persönlichkeit beschreibenden Laudatio die angemessene Aufmerksamkeit geschenkt hat, sollte es nun wissen: strenge Disziplin, Verlässlichkeit, eigene Verantwortung, aber kaum Begeisterungsfähigkeit für die große Idee. Aachen hat mit Dalia Grybauskaite eine auf ihre Art ungewöhnliche Karlspreisträgerin.

Dass man im Krönungssaal eine Laudatio hörte, die diesen Namen verdiente, war EU-Parlamentspräsident Martin Schulz zu verdanken. Er porträtierte die ehemalige EU-Kommissarin als energische und effiziente Politikerin, deren Kompetenz und Durchsetzungskraft man in Brüssel heute vermisse.

Er verschwieg unterschiedliche Auffassungen mit dieser Frau des offenen Wortes nicht. Schulz stellte seine kenntnisreiche und auf persönlichen Erfahrungen beruhende Personenbeschreibung in den historischen und aktuellen Zusammenhang Litauens. Er ließ sich – so kennt man das von ihm – an keiner Stelle zu den üblichen Worthülsen aus der Feiertagsrhetorik verleiten. Deshalb nannte er die Jugendarbeitslosigkeit eine Schande. Deutlicher geht es nicht. Die „eigentliche“ Rede hielt am Donnerstag der Laudator. Darüber sollte das Direktorium einmal nachdenken . . .

Der Geist der Gründer

Die Preisträgerin bestätigte in ihrem Beitrag die über sie vermittelten Eindrücke. Sie ist tatsächlich eine schnörkellose, konsequente, zielorientierte und andere ohne jede Umschweife mahnende Politikerin. Sie klagt von vielen Kolleginnen und Kollegen der europäischen Politik-Klasse immer wieder Verantwortung ein, es scheint ihr Lieblingswort zu sein. Mit eigener Kraft etwas zu lösen, bevor man um Hilfe aus Brüssel ruft. Auf der Basis eines gesellschaftlichen Konsenses gewisse Entbehrungen der Bevölkerung temporär zuzumuten. Und dabei nicht populistisch einzuknicken: So lauteten ihre elementaren Botschaften für Europa in Aachen. Und das beschreibt im wesentlichen ihren knallharten Sparkurs in Litauen.

Aber das ist zu wenig: Ein ambitionierter Appell, eine konkrete Perspektive, eine Werbung für europäischen Esprit und europäische Kultur war dieser Auftritt nicht. Dazu ist Grybauskaite zu nüchtern, zu distanziert. Ihre Persönlichkeit versprüht eher Strenge und Disziplin. Sie muss nicht jedermanns Liebling sein. Klartext reden und danach handeln – in dieser Kombination gehört sie zu den positiven Ausnahmen. Aber es gelingt ihr nicht ansatzweise, für Europa wirklich zu begeistern. Funktioniert die EU nur so technokratisch? Das hat mit dem Geist der Karlspreisgründer kaum noch etwas zu tun!

Fehlende Dramaturgie

Wie auch immer: Eine Karlspreisträgerin aus einer für uns noch immer etwas fremden Welt und doch mitten aus Europa und unverdrossen mit pro-europäischem Kurs wird auf der EU-Bühne während der litauischen EU-Präsidentschaft im zweiten Halbjahr 2013 eine wesentliche Rolle spielen.

Das Karlspreis-Europa-Forum am Tag vor der Verleihung bedarf unterdessen einer umfassenden Reform. Es sollte die junge Generation ordentlich integrieren, wenn vollmundig über das Thema „Zukunftsprojekt Europa – Welche Vision haben wir für die EU von morgen?“ geredet wird. Alles Mögliche wurde da staatsmännisch erörtert: die Rolle der Briten, die Euro-Krise, Spanien, irgendwann doch noch – fast überraschend – die verheerende Jugendarbeitslosigkeit, etwa mit dem Vorschlag, die besten Spanier sollten ihr Land verlassen und in Deutschland arbeiten.

Die in Reden gerne gefeierten jungen Karlspreisträger kamen in dieser Debatte erst nach 65 Minuten zu Wort und nur nach eindeutigen Handzeichen. Das war schwach, rückwärts gewandt, ohne Dramaturgie und den Hauch von Aufbruchstimmung, die am Ende vermitteln soll, warum Europa so wertvoll, so wichtig, so wunderbar ist. Die junge Generation gehört in die erste Reihe – nicht im Zuschauerraum, sondern am Podium!

b.mathieu@zeitungsverlag-aachen.de

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