Nachruf: Patriot und Europäer

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Nachruf: Patriot und Europäer

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Helmut Kohl war nie bequem. Er ging Konflikten nicht aus dem Weg, er liebte den Widerspruch.

Er konnte nachtragend sein, aber er hatte auf der Basis einer gediegenen historischen Bildung die Fähigkeit, strategisch zu denken und Zukunft zu gestalten.

Das politische Vollblut förderte Menschen großzügig und lehnte in der gleichen Konsequenz andere Menschen schroff ab. Seine Fähigkeit, persönliche Beziehungen aufzubauen, beeinflusste auf außergewöhnliche Weise die zweite und für die Geschichtsbücher entscheidende Phase seiner Kanzlerschaft nach dem Fall der Mauer. Man erinnere sich nur an das Gespräch mit Gorbatschow im Kaukasus. Kohls Strickjacke liegt längst im Haus der Geschichte.

Die Freiheitsliebe der Pfälzer

Christlich geprägt war er, auch sein liberales Elternhaus hat ihn beeinflusst. Helmut Kohl schwärmte geradezu von der Freiheitsliebe seiner Heimat, der Pfalz, die, so sagte er einmal in einem Interview mit uns, „keine Region für Duckmäuser“ sei.

Patriot und Europäer: Helmut Kohl sah darin nie einen Widerspruch. Als Kanzler der Einheit hat er das eindrucksvoll bewiesen. Wie er in einer äußerst knappen Zeit zielorientiert mit den Großmächten USA und Sowjetunion verhandelte, wie er gegen den erheblichen Widerstand von Margaret Thatcher und François Mitterrand die Einheit erreichte, das war ein politisches Meisterstück, das ihm damals kaum jemand zugetraut hatte.

Kohl ist nicht auf die Einheit zu reduzieren. Einer seiner größten Erfolge war die Entstaubung der veralteten CDU. Als er 1973 CDU-Chef wurde, stellte er die Partei auf völlig neue Füße. Die rasante Modernisierung der CDU trug seine Handschrift. Dazu gehörte, mit Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler zwei überragende Generalsekretäre zu berufen. Dass er sich später mit beiden überwarf, passt ins Bild des unversöhnlichen Patriarchen.

Eine Zeit lang ging das aber gut: auch mit einer Familien- und Frauenministerin Rita Süssmuth, mit einer Volkspartei neuen Typus‘ und mit vielen jungen Mitgliedern. Der „Weinkönig aus der Pfalz“, über den sich die intellektuelle Linke lustig machte, zeigte, wie man Dinge verändert. Diese Modernisierung der Volkspartei CDU prägt unsere Republik bis heute. Und: Er hat Angela Merkel entdeckt und – damals überraschend und mit einem mitleidigen Lächeln auch eigener Parteifreunde – ins Kabinett geholt.

Kohls dritte große Leistung nach CDU-Neugestaltung und Einheit trägt die Überschrift Europa. Seine Solidarität mit kleinen Ländern, die damit verbundene Rücksicht, die persönlich ausgeprägte Freundschaft zu Mitterrand und Frankreich, die Kontinuität beim „Bau des Hauses Europa“ sind legendär.

Sein Bekenntnis für die EU-Erweiterung um die osteuropäischen Staaten war kompromisslos klar. Ländern, die Jahrzehnte unter dem Kommunismus gelitten hatten, beim Neubeginn zu helfen, gehörte zu den Selbstverständlichkeiten seiner politischen Kultur. Gleichwohl: Manche aktuellen Querschüsse aus Ungarn oder Polen hätte Helmut Kohl kaum so gelassen und unentschlossen hingenommen wie die heutige EU-Elite.

Am Ende verbittert

Sein Erfolgsrezept? Sein Machtbewusstsein, sein Netzwerk, das vom CDU-Kreisvorsitzenden in der Provinz bis zum amerikanischen Präsidenten reichte, sein Blick für gute Leute. Sein Misserfolg? Fehlende Selbstkritik, die Unfähigkeit, rechtzeitig abzutreten, seine Sturheit vor allem in der Spendenaffäre, die einen großen Schatten auf sein Lebenswerk warf.

Am Ende war er verbittert. Das Zerwürfnis mit seinen Söhnen nach dem Selbstmord seiner Frau Hannelore, die zerbrochenen Freundschaften mit Weggefährten wie Norbert Blüm und Wolfgang Schäuble und die dunklen Seiten der Spendenaffäre haben verhindert, dass er – wie Helmut Schmidt – wie ein politischer Heiliger verehrt wurde. Als großer Deutscher und Europäer sitzt er historisch jedoch eindeutig in der ersten Reihe.

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