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Kommentiert: Zwei-Klassen-System

Ein Kommentar von Anja Clemens-Smicek

Die streiken? Die sollen erst mal richtig arbeiten. So oder ähnlich lauten viele Kommentare, wenn Lehrer auf die Straße gehen.

Damit ist die Stimmung schon vergiftet und ein wesentlicher Aspekt außer Acht gelassen: Denn wenn wir über Lehrer urteilen, sollten wir uns bewusst machen, dass wir über die Berufsgruppe mit der höchsten gesellschaftlichen Verantwortung reden.

Lehrer entscheiden nicht nur über Noten, über Sitzenbleiben und Weiterkommen, über Schulfrust und -lust. Lehrer prägen die Persönlichkeit, sie haben es in der Hand, soziale Ungleichheiten zu überwinden und Integration zu fördern. In letzter Konsequenz legen Lehrer den Grundstein für unseren Wohlstand. Umso wichtiger ist es hinzuhören, wenn Teile dieser Klientel protestieren.

Unbeachtet von weiten Teilen der Öffentlichkeit gibt es nämlich hinter den Schultoren eine Zwei-Klassen-Gesellschaft – abhängig von der Haushaltslage der Länder. Gerade das stets klamme NRW bekleckert sich da nicht mit Ruhm: zwei Lehrer, die denselben Job machen, die gleiche Ausbildung genossen haben, aber in jeder Hinsicht ungleich behandelt werden, weil der eine den Beamtenstatus genießt, der andere nur angestellt ist. Die Gründe? Das Alter, die Herkunft, der berufliche Werdegang. Kriterien, die das Grundgesetz zwar explizit ausschließt, von NRW aber schlichtweg ignoriert werden. Dabei sind die Auswirkungen gewaltig: beim Gehalt, beim Arztbesuch, bei der Rente.

Das Argument „Unterschiedliche Verträge gibt es in jeder Firma“ zieht nicht. Denn Schule ist kein System, das nach betriebswirtschaftlichen Gesetzen funktioniert. Anders als ein Firmenchef ist der Schulleiter ein primus inter pares, der keine Möglichkeiten hat, exzellente Kollegen zu fördern und zu belohnen. Sicher, das trifft Beamte wie Angestellte gleichermaßen, wirkt sich bei letzteren jedoch besonders schmerzhaft aus.

Da mag die Kanzlerin mit Verve die „Bildungsrepublik Deutschland“ ausrufen – solange die Rahmenbedingungen nicht stimmen, werden gute Leute anderswo ihre Erfüllung suchen. Wer will schon im Spannungsfeld zwischen Reformhysterie auf der einen und überdrehtem Anspruchsdenken, aber auch Desinteresse der Eltern stehen, ohne Chancen der Einflussnahme und angemessene Bezahlung? Dabei tun gerade die Seiteneinsteiger den Schulen gut. Sie bringen frischen Wind in den Alltag, weil sie jenseits der schulischen Lebenswelt Berufserfahrung gesammelt haben. Doch finanziell bleiben sie auf der Strecke.

Für die Ausbildung der Kinder sollten uns die Besten gut genug sein. Die gewinnt man aber nicht, wenn das einzig echte Lockmittel die lebenslange Absicherung ist. Deshalb sollten wir die Sinnhaftigkeit des Beamtenstatuse_SSRq im Lehrerberuf diskutieren. Er belastet die Staatskassen und damit die Bürger. Die neuen Länder haben sich davon getrennt. Schlechter ist die Bildung dadurch nicht geworden. Wenn wir uns aber weiterhin die Aufteilung der Lehrer leisten wollen, muss der Staat auch für einen finanziellen Ausgleich sorgen. Wer jetzt das Argument der leeren Kassen bringt, sollte sich ernsthaft fragen: Wenn wir nicht in die Zukunft unserer Kinder investieren – worin dann?

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