Kommentiert: Wenn wir es schaffen

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Kommentiert: Wenn wir es schaffen

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Wenn wir das schaffen, dann sind „wir“: die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Die Stadtverwaltungen. Die Schulen. Die Kindertagesstätten. Die Vereine.

Die Jobcenter. Die Handwerkskammern. Die Unternehmen. Die Justiz. Die Gesundheitsbehörden. Die Polizei. Die Politik. Die Aufnahmelager. Und gewiss viele andere.

Wenn wir das schaffen, dann schaffen wir das, obwohl uns niemand vorher gefragt hat, ob wir es schaffen können, wollen oder müssen. Auch die Bundeskanzlerin hat uns nicht gefragt.

Vielleicht wollte sie an diesem denkwürdigen Abend vor einem Jahr Horst Seehofer fragen, ob er es zu schaffen gedenke. Aber der ließ nichts von sich hören, sein Handy blieb unkommunikativ. So konnte der bayerische Ministerpräsident fortan behaupten, er habe nie geglaubt, dass wir das schaffen könnten.

Vielleicht wollte Angela Merkel an diesem Abend ihrem ungarischen Kollegen Victor Orban ins humanistische Gewissen reden, aber der sah sich lieber ein Fußballspiel an.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht: Tatsächlich entschied die Kanzlerin, dass die Grenzen geöffnet wurden. Tatsächlich hatte sie schon am 31. August erklärt, dass wir es schaffen könnten, eine hohe Zahl an Flüchtlingen aufzunehmen. Tatsächlich hatte schon eine Woche zuvor ein Sozialdemokrat in einem Videopodcast erklärt: „Ich bin sicher: Wir schaffen das.“ Dieses SPD-Mitglied heißt Sigmar Gabriel. Heute legt er keinen Wert mehr auf die Urheberschaft des berühmten Satzes. Lieber nicht.

Deutschland verbarrikadieren

Nicht so viel ist alternativlos, wie die Kanzlerin es gelegentlich vermutet. Sie hätte die Grenzen nicht öffnen müssen. Sie hätte Deutschland verbarrikadieren können und damit die Botschaft in die Welt hinausposaunt: Wir wollen euch nicht! Bleibt im Elend, im Krieg, bleibt irgendwo da auf dem Balkan oder in einem Lager in Griechenland, verreckt auf der Strecke! Sie hätte Tage vorher sagen können: Wir haben kein Interesse, das zu schaffen. Die Flüchtlinge sollen uns in unserer wohlsortierten Welt in Ruhe lassen.

Sie hat es nicht getan, sondern unter Zeitdruck eine historische Entscheidung getroffen, die in dieser Stunde richtig und fatal zugleich war. Richtig, weil ein Land unserer demokratischen Qualität mit diesem großartigen Grundgesetz nur eine menschenwürdige Alternative wählen darf. Fatal, weil danach wesentliche Maßnahmen nicht in Angriff genommen wurden. Sie haben mit Registrierung, zügigen Asylverfahren, Abschiebung und Integration und mit viel Geduld zu tun; denn die meisten Flüchtlinge sind unqualifiziert, also brauchen sie Qualifizierung. Sie benötigen Hilfen beim Einstieg in unsere Gesellschaft. Und irgendwann Arbeit.

Die Kanzlerin hatte zwischenzeitlich eine wichtige Formulierung („aufgrund der heutigen Notlage“) vergessen. Die nachfolgenden Notlagen hätte sie mit ihrer Bundesregierung besser organisieren müssen. Das weiß sie heute. Sie hat die Dimension der Problematik unterschätzt, die mit der fehlenden Dynamik in der Integration, aber auch mit manchen bösen und zuweilen kriminellen Überraschungen aufgenommener Flüchtlinge zu tun hat.

Engagiert, enttäuscht

Das ist kein Grund vom „Wir schaffen das“ abzurücken. Viele Deutsche schaffen ganz schön viel in der Flüchtlingsarbeit – ehrlich, engagiert, manchmal ernüchtert und enttäuscht: vom Staat und von Vorschriften, die nicht alltagsnah sind, von Mitbürgern, die noch nie einem Flüchtling begegnet sind, denen es nicht schlechter geht als vor einem Jahr, denen nichts weggenommen und denen keine Steuer erhöht wurde, die wegen der Flüchtlinge nicht ihren Arbeitsplatz verloren haben, aber dennoch der nationalen Abschottung den Vorrang geben.

Vor einem Jahr war das keine geplante Image-Kampagne für ein neues Deutschlandbild in der Welt. Es war auch keine vorsätzliche Stümperei. Es war eine in der Nacht notwendige und zulässige Entscheidung. Dass diese Ausnahme viel zu lange zum Regelfall wurde, war ein Fehler, ein korrigierbarer. „Wir schaffen das“ heißt unterdessen auch: Die Flüchtlinge selber müssen es schaffen, es wollen, daran mitarbeiten. Weil Integration und Willkommenskultur keine Einbahnstraße sind. Das muss man einigen von ihnen deutlich sagen.

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