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Kommentiert: Wenig Integration. Woran liegt das?

Ein Kommentar von Peter Pappert

Spontankundgebungen vor einer Woche in Paris nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“, weltweite Bekundungen „Je suis Charlie“, die eindrucksvolle Demonstration am Sonntag in Paris.

Der wachsende Widerstand gegen „Pegida“, die Mahnwache am Dienstag in Berlin – solche Versammlungen sind gut, weil sich eine freie Gesellschaft ihrer Identität und ihrer Werte versichern muss.

Dass Muslimverbände auf dem Pariser Platz die Hauptorganisatoren waren, ist ermutigend. Der in Berlin demonstrierte Konsens muss sich nun im Alltag der Menschen bewähren. Dieser Alltag ist nicht geprägt von Terror, angeblicher Islamisierung oder unterschiedlichen Auslegungen des Korans.

Er ist aber auch nicht geprägt von selbstverständlichem Miteinander zwischen Christen und Muslimen, schon gar nicht zwischen Juden und Muslimen. Trotz mancher privater Kontakte, trotz der Eintracht unter Repräsentanten der verschiedenen Religionen, trotz Gemeinsamkeiten im studentischen Milieu besteht vielfach Distanz und gegenseitiges Misstrauen.

Integration gelingt oft nicht, weil Menschen einfach zu blöde sind, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden; sogar Islam und Terrorismus können manche nicht auseinanderhalten. Um dies zu schaffen, muss niemand zum Koran-Gelehrten werden. Es reicht, hinzuschauen. Man könnte ja sogar mal – welch eine Idee! – mit Muslimen reden.

Vielleicht nimmt man auch einfach zur Kenntnis, dass die Muslime in Deutschland keine homogene Masse sind, dass sie wahrscheinlich nur zur Hälfte ihren Glauben praktizieren, dass überhaupt nicht alle Türken, Iraner oder Araber hierzulande Mus- lime sind.

Integration gelingt oft nicht, weil gleiche Rechte für Männer und Frauen im Lebensalltag kein Konsens unter Muslimen sind, weil viele von ihnen – unter Berufung auf religiöse Überzeugung – die Freiheit der Presse, der Satire, des Comics, der Kunst eben doch nicht achten.

Selbstverständlich erwartet die deutsche Gesellschaft, dass männliche Jugendliche Lehrerinnen respektieren, dass weibliche Jugendliche in Kino, Theater und anderen Medien Freiheit kennenlernen, dass volljährige Frauen aus muslimischen Familien sich ihren Freund selbst aussuchen und mit ihm zusammen sein können, wann und wo und wie sie wollen, dass sie sich von ihren Brüdern als Aufpasser nicht drangsalieren lassen müssen.

Der türkische Präsident Erdogan, der auf autoritär-islamischem Kurs sein Land immer weiter von der Europäischen Union entfernt, erhält bei seinen Reden hierzulande von Zehntausenden App- laus. Da ist Skepsis angebracht. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) organisiert die meisten Gemeinden in Deutschland und steht für einen importierten Islam. Der Versuch des Münsteraner Islam-Wissenschaftlers Mouhanad Khorchide, einen liberalen deutschen Islam zu etablieren, wird aus den eigenen Reihen diskreditiert.

Soviel Klarheit muss sein. Die „Pegida“-Organisatoren interessiert dies alles nicht. Ihnen geht es um ihr krudes Weltbild, nicht um jene Menschen, die vor Krieg und islamistischem Terror nach Deutschland fliehen. Jene Vertriebenen ihren fanatischen Verfolgern zu überlassen, ist infam.

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