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Kommentiert: Weiter große Zweifel

Ein Kommentar von Amien Idries

Hand aufs Herz: Wer nicht Atomphysik, Materialwissenschaft und am besten noch Maschinenbau studiert hat, wird mit dem Bericht der belgischen Atomaufsicht FANC wenig anfangen können.

Selbst für den ambitionierten Wissenschaftslaien bleiben nach der Lektüre der Expertenberichte mehr Frage- als Ausrufezeichen. Was bei der Beurteilung der Risse in den Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 allerdings nichts Neues ist.

Seitdem die entdeckt wurden, blieb dem Otto-Normalverbraucher nichts anderes übrig, als sich entweder in Rekordzeit das Fachwissen anzueignen oder sich in die Hand von Experten zu begeben. Experten, von denen der erste die Risse für vollkommen ungefährlich hält, während der zweite die Reaktoren als großes Sicherheitsrisiko identifiziert.

Vertrauen heftig erschüttert

Am Ende schrumpft die Beurteilung der Vorgänge also auf das Wort Vertrauen. Vertrauen darauf, dass die belgische Atomaufsicht wirklich als Aufsicht agiert und das wichtigste Kriterium für ihre Entscheidung die Sicherheit der Menschen in unserer Region ist.

Dieses Vertrauen ist in der Vergangenheit heftig erschüttert worden. Durch die mangelhafte Informationspolitik der FANC, was die Größe und Anzahl der Risse angeht, durch das muntere Hoch- und wieder Runterfahren der Reaktoren, die mal als vollkommen ungefährlich, dann wieder als bedenklich eingestuft wurden. Vor allem aber durch die allzu große Nähe zwischen Electrabel, dem Betreiber der Kernkraftwerke, und der Atomaufsicht. FANC-Chef Jan Bens war nicht nur Leiter des AKW Doel, sondern auch beim Weltverband der Kernkraftwerksbetreiber angestellt. Auch sein Vorgänger Willy de Roovere war vor seiner Zeit bei der FANC langjähriger führender Electrabel-Mitarbeiter.

Der Eindruck, dass die belgische Atomaufsicht nicht allein die Sicherheit der Menschen im Auge hat, sondern vor allem die Interessen des Betreibers Electrabel, der mit den alten Meilern eine ordentliche Stange Geld verdient, ist angesichts dessen wohl nicht aus der Luft gegriffen.

Und auch, wenn die Expertenberichte auf deren Basis die FANC ihr Urteil gefällt hat, nun zu dem Ergebnis kommen, das Wiederanfahren der Reaktoren sei ungefährlich, so bleiben dennoch Zweifel. Nicht nur bei vielen Menschen in unserer Region, die Angst vor einem Atomunfall mit unkontrollierbaren Folgen haben, sondern auch bei den Experten selbst. Etwa beim International Review Board, das einen der vier Berichte verfasste. Dort äußert einer der 14 Fachleute weiterhin die Sorge, dass die Sicherheitsmargen nicht ausreichend sind.

Zweifel also bei einem von 14 Fachleuten. Das wäre bei einer wissenschaftlichen Arbeit zum Paarungsverhalten von Eidechsen oder zum Minnesang des 12. Jahrhunderts nicht viel. Im Falle von Atomreaktoren aber, bei denen im Zweifel ein ganzer Landstrich radioaktiv verseucht werden könnte, müsste gelten: im Zweifel für die Sicherheit.

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