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Kommentiert: Warum Buddhisten die Rohingya vertreiben

Ein Kommentar von Amien Idries

Widerstehen wir für einen Moment dem Impuls, das, was in Myanmar geschieht, als Völkermord zu bezeichnen. Das lässt sich derzeit schlicht nicht sagen.

Es gibt starke Anzeichen dafür, dass die Armee versucht, die muslimischen Rohingya, wenn nicht zu vernichten, so doch aus dem Land zu vertreiben.

Ob aber ein Genozid nach UN-Definition vorliegt, wird sich, wenn überhaupt, erst in Jahren zeigen, wenn objektive Ermittler die Vorgänge untersuchen können. Wer eine solch starke Vokabel nutzt, sollte wissen, wovon er redet, und sich ziemlich sicher sein.

Ohne Zweifel aber geschieht Furchtbares in Myanmar. Hunderttausende sind auf der Flucht, Unschuldige leiden, und man kann davon ausgehen, dass Menschenrechtsverletzungen verübt werden.

Liebling der Demokratiefreunde

Trotz der furchtbaren Bilder sollte man aber versuchen, die Situation zu analysieren. Die ist aus westlicher Sicht vor allem aus zweierlei Hinsicht interessant.

Erstens wegen Aung San Suu Kyi. Die Defacto-Regierungschefin war der Liebling des Westens und wurde 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, dem Westliche-Werte-Ritterschlag. Schon kurz nach Ende ihres Hausarrests wurde aber klar, dass sie nicht vorhat, sich von den Ultranationalisten zu distanzieren. Auch ihre gestrige Ansprache war keine angemessene Verurteilung der Geschehnisse.

Liberale aus dem Westen müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie einen romantisierenden Blick auf Suu Kyi hatten. Merke: Nicht jeder Widerständler gegen ein undemokratisches Regime ist per se Demokrat. Wie sehr ein Rebell westliche Werte vertritt, merkt man oft erst, wenn er Erfolg hatte. So war Robert Mugabe einst ein vom Westen gefeierter Freiheitskämpfer. Inzwischen hält er Simbabwe seit mehr als 30 Jahren in seinen kleptokratischen Händen.

Zweitens ist der Blick auf Myanmar noch aus einem anderen Grund interessant: Hierzulande kennen wir Buddhisten als ausgeglichene und meditierende Zeitgenossen, deren bester Öffentlichkeitsarbeiter der ewig lächelnde Dalai Lama ist. In Myanmar hingegen sind – ähnlich wie in Thailand – buddhistische Mönche die Speerspitze der Gewalt gegen Muslime.

War unser Blick auf den Buddhismus jahrzehntelang falsch? Vermutlich ist er ebenfalls romantisierend, so wie der Blick auf Suu Kyi. Dennoch würde kaum jemand auf die Idee kommen, die Ursache für den Terror in Myanmar in den Lehren Buddhas zu suchen. Man würde vermutlich auch keinen hier lebenden Buddhisten auffordern, sich von den Geschehnissen in Myanmar zu distanzieren.

Es braucht nicht viel für Terror

Myanmar zeigt vielmehr, dass es nicht viel braucht, um Terror im Namen von irgendwas auszuüben. Es braucht keinen Koran, keine Bibel, keine Religion. Es braucht lediglich ein „Wir und die Anderen“, ein Gefühl der moralischen Überlegenheit, vielleicht gepaart mit einem Gefühl der Bedrohung oder einem Opfergefühl. Werden diese unheilvollen Zutaten gemischt, kann leicht Terror entstehen.

Ein Terror wohlgemerkt, den es nicht nur in Myanmar gibt. Es gibt ihn von Muslimen in Ägypten gegen Kopten, es gibt ihn in der Zentralafrikanischen Republik von Christen gegen Muslime, es gibt ihn im Nahen Osten zwischen Sunniten und Schiiten, und es gab ihn bis vor Kurzem in Irland zwischen Katholiken und Protestanten. Die jeweiligen religiösen „Zutaten“ der Konflikte dienen lediglich der Legitimation des Terrors.

Eigentlich ziemlich einfach

Zu diesem religiösen Blendwerk gehören im Fall Myanmar auch die Reaktionen muslimischer Regierungschefs wie dem türkischen Präsidenten Erdogan, der innenpolitisch punkten will, in dem er sich als Beschützer der Glaubensbrüder aufführt. „Vor der eigenen Haustüre kehren“, müsste hier der Rat lauten, der freilich ungehört verklingen wird.

Bliebe die Frage, wie man dem Terror und seinen Ursachen entgegenwirkt? Hier ein paar Vorschläge: Pluralismus, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, keine Ausgrenzung, kein Generalverdacht, keine Marginalisierung. Eigentlich ziemlich einfach. Eigentlich.

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