Kommentiert: Von halben Wahrheiten und ganzen Lügen

Von: Marc Heckert
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FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 01.06.2017 Marc Heckert

Sie sagen nur die Wahrheit, das wird man ja wohl noch dürfen. Da, in Dunkeldorf, wieder ein Verbrechen! Wieder ein Ausländer! Und da, in Weitwegstadt, das nächste! Danke Merkel, danke Gutmenschen, für die täglichen „Einzelfälle“!

Schaut man da hin, wo im Netz diskutiert wird, tut es oft weh. Sie sind gut organisiert, die Hasser. Mal wird ein sexueller Übergriff aus einem östlichen Bundesland wutschäumend in die letzten Winkel der Republik getragen, mal ein als zu lasch empfundenes Urteil der „Kuscheljustiz“, mal eine angebliche Falschmeldung der „Lügenpresse“. Zur Abrundung noch ein Video von irgendeiner Entsetzlichkeit aus einem Dritte-Welt-Land: Seht, das sind die Leute, die uns Deutsche ermorden und vergewaltigen! Und keiner tut was!

Doch was so wahr scheint, es ist nur die halbe Wahrheit. Denn so furchtbar es ist, dass unter Migranten und Muslimen auch einige Verbrecher sind, so wahr ist ebenso, dass es auf diesem Planeten keine größere Menschengruppe, Nation oder Religionsgemeinschaft gibt, in der nicht gefühlte zwei Prozent Scheusale sind. Ob Syrer oder Sachsen, Flüchtlinge oder Facebook-Nutzer. Überall, immer schon, bei den alten Römern und wahrscheinlich schon in der Steinzeit. Leider. Willkommen auf der Erde, willkommen in der Spezies Mensch.

Jahr für Jahr werden rund sechs Millionen Straftaten in Deutschland angezeigt. Doch die von Migranten Begangenen werden um ein Vielfaches häufger verbreitet und viel intensiver disktutiert. Wir sehen es täglich im Netz: Wird in einer Polizeimeldung ein „südländisch“ aussehender Täter erwähnt, hängt meist eine Kette wütender Kommentare darunter. Ist der Täter blond: kaum Reaktionen.

Ein Beispiel? Am Samstag, 3. Dezember 2016, verbreitete sich im deutschsprachigen Netz wie ein Lauffeuer die Nachricht, dass der am Vortag verhaftete mutmaßliche Mörder der Freiburger Studentin Maria L. aus Afghanistan kommt. Auf den üblichen rechtspopulistischen Plattformen brach eine Welle von Wut und Hass gegen Flüchtlinge, Muslime und alles irgendwie „Linke“ los. Furchteinflößend waren die nach Lynchjustiz schreiende Sprache, die Geschwindigkeit der Ausbreitung und die professionelle Aufbereitung mit fremdenfeindlichen Grafiken, Parolen und Bildcollagen.

Tags darauf, am Sonntag, erschoss im Kreis Viersen ein deutscher Sportschütze seine Ex-Freundin, ihren Sohn und sich selbst. Haben Sie auf Facebook dazu irgendetwas gelesen? Ich nicht. Was aber, wenn etwa ein Iraker eine deutsche Frau und ihr Kind getötet hätte? Sie würden sich heute noch daran erinnern, dafür hätten bestimmte Leute gesorgt.

Halbe Wahrheiten: Sie können so schlimm sein wie ganze Lügen.

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