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Kommentiert: Völlig undiplomatisch

Ein Kommentar von Karl-Peter Hermanns

Man darf Freunde kritisieren – natürlich. Man darf sich auch durchaus verstimmt zeigen. Und man darf Behauptungen zurückweisen – in aller Form.

Aber das sollte man nicht in so harsche Worte kleiden wie: „Das türkische Volk wird dem deutschen Bundespräsidenten Gauck seine Aussagen nicht vergessen und nicht verzeihen.“ Soll das nun für alle Zeit das deutsch-türkische Verhältnis bestimmen? Hat im Außenministerium in Ankara niemand die Reißleine gezogen, als diese Formulierung diskutiert wurde? Denn an dieser völlig undiplomatischen Drohung haben doch wohl mehrere Ministerialbeamte mitgewirkt.

Es ist immerhin ein Nato-Partner und EU-Beitrittskandidat, der da in außergewöhnlich scharfer Form um sich schlägt. Ein Land allerdings, das sich seit Jahren von den europäischen Werten entfernt. Pressefreiheit, Versammlungsrecht und freie Meinungsäußerung sind Schritt für Schritt eingeschränkt, Polizeirecht im Gegenzug ausgedehnt worden, seit Recep Tayyip Erdogan zunächst als Ministerpräsident und jetzt als Staatsoberhaupt der starke Mann ist.

Doch nicht nur Deutschland ist Adressat der Beschimpfungen. Auch der Vatikan, Frankreich und Russland, ja sogar die USA bekommen die Empörung Ankaras zu spüren. Dabei hat Washington nicht einmal den Begriff „Völkermord“ verwendet. Denn selbst die Beschreibung als „massenhafte Gräueltaten“ akzeptiert die türkische Führung nicht. Wie bitte, wenn schon nicht Genozid, soll man denn sonst das nennen, was da vor 100 Jahren im Osmanischen Reich an den Armeniern verbrochen wurde?

Glaubt die Türkei, sie allein habe dauerhaft die Interpretationshoheit über das, was in ihrer (Vor-)Geschichte geschehen ist? Glaubt sie, mit der Negierung des Völkermords könne sie die Frage von Schuld und Versöhnung lösen?

So geht das nicht. Erst mit dem Eingeständnis und der Aufarbeitung der Verbrechen an der Menschlichkeit kann man mit sich selbst und den Opfern zu einem Ausgleich kommen. Deutschland hat das in einem langen Prozess erfahren. Es war Voraussetzung dafür, dass wir heute mit Franzosen und Polen und vor allem mit Juden in Freundschaft leben können. Weil zwar nicht vergessen, aber verziehen wurde: ein großes Geschenk!

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