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Kommentiert: Völkermord? Ja, aber.

Ein Kommentar von Amien Idries

Die Aufarbeitung von zurückliegenden Gräueln ist für eine demokratisch verfasste Gesellschaft ungemein wichtig.

Das zeigen nicht nur erfolgreiche Beispiele, sondern vor allem die Fälle, in denen diktatorische Vergangenheiten unter den Teppich gekehrt wurden.

Man kann der Türkei also nur wünschen, dass sie 100 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern endlich dieses historische Erbe des Osmanischen Reiches annimmt. Dabei ist die Frage danach, ob es ein Genozid war oder nicht, eher akademischer Natur.

Laut UN-Definition macht sich bereits jemand des Genozids schuldig, der „nur“ beabsichtigt, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe teilweise oder ganz auszulöschen. Die Zahl der Toten ist nicht entscheidend, sondern vor allem, ob es die Auslöschungsabsicht gab. Es wäre also durchaus ein Völkermord ohne nur einen einzigen Toten denkbar. Umgekehrt belegen hunderttausende tote Tutsi nicht automatisch, dass es in Ruanda 1994 einen Völkermord gab. Eine Juristendebatte also, die vor Gericht Sinn ergeben mag, für die gesellschaftliche Auseinandersetzung aber deutlich weniger taugt.

Fakt ist, dass vor 100 Jahren bis zu 1,5 Millionen Armenier vertrieben oder getötet wurden. Eine gewaltige Zahl, die die Türkei mit kriegsbedingten Sicherheitsmaßnahmen und vereinzelten Übergriffen kleinzureden versucht. Fakt ist aber auch, dass die Vergangenheit innerhalb einer Gesellschaft aufgearbeitet werden muss. Das kann nicht von außen oktroyiert werden. Das war im Nachkriegs-Deutschland so, dass sich lange Zeit wenig um Aufarbeitungsbemühungen der Alliierten scherte und erst Ende der 70er Jahre eine ehrliche Debatte über die Vergangenheit begann.

Ein solche Debatte gibt es inzwischen auch in der Türkei. Unabhängig von der berechtigten Kritik am islamistischen und paternalistischen Kurs der AKP unter Erdogan, hat sich das Klima in der Armenienfrage verbessert. Das erkennt man an Erdogan selbst, der vor einem Jahr den Armeniern sein Mitleid aussprach, am aktuellen Premier Davutoglu, der vom Schmerz der Armenier spricht, den das türkische Volk teilt, und man erkennt es an Fatih Akins Film „The Cut“, der den Völkermord behandelt und im Dezember in türkische Kinos kam. Der deutsch-türkische Regisseur wurde zwar von Ultra­nationalisten bedroht; als der Film aber dann anlief, gab es differenzierte Filmkritiken und ein interessiertes Publikum. Ein Vorgang, der vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre.

Dabei geht es nicht um Blauäugigkeit gegenüber der türkischen Regierung, sondern darum, die Situation differenziert wahrzunehmen.

Brutale belgische Herrschaft

Zu dieser differenzierten Wahrnehmung gehört auch, dass es viele europäische Staaten gibt, deren Vergangenheitsbewältigung nicht viel besser aussieht als die der Türkei. Belgien etwa, dessen brutale Kolonialherrschaft bis 1908 geschätzte zehn Millionen Menschen im heutigen Kongo das Leben kostete. Wer die Verklärung von Kolonialzeit und König Leopold II. in Teilen der belgischen Öffentlichkeit nicht kritisiert, kann schwerlich mit dem Finger auf die Türkei zeigen.

Auch Deutschland hat Nachholbedarf. Nicht was die Nazi-Vergangenheit angeht. Die wurde – wenn auch mit erheblichen Anlaufschwierigkeiten – gut aufgearbeitet. Über andere Verbrechen wird aber nicht so gerne debattiert. Das gilt natürlich für die Beteiligung des deutschen Kaiserreichs am Völkermord an den Armeniern. Es gilt wohl noch mehr für den Tod von bis zu 85 000 Herero in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Das Vorgehen der deutschen Kolonialmacht wird von vielen Historikern als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Ein Völkermord, den Deutschland nie anerkannt hat. Wer also den Genozid an den Armeniern als solchen bezeichnet, sollte das mit gleicher Vehemenz auch im Falle der Herero tun.

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