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Kommentiert: Vermasselt

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Nun also doch: Martin Schulz wird Kanzlerkandidat der SPD. Noch vor wenigen Wochen war das für den Würselener kein Wunschkonzert. Da sagte er klipp und klar, dass er am liebsten EU-Parlamentspräsident bleiben würde.

Dass er die Kanzlerkandidatur eigentlich nicht anstrebe. Dass er, wenn diese Aufgabe auf ihn zukäme, mit großem Respekt vor einer solchen Herausforderung stehe. Und es klang ehrlich und überzeugend.

Das Heft des Handelns hatte stets Parteichef Sigmar Gabriel in der Hand. Gespräche zwischen ihm und Schulz gab es mehrere, in Gabriels Wohnzimmer in Goslar, auch in Berlin. Gabriel blieb über eine relativ lange Zeit schwankend, unentschieden, zweifelnd. Er wies deshalb immer wieder – wie Schulz – auf den vereinbarten Zeitplan hin und hat ihn nun gründlich vermasselt, weil er in einem Interview den Verzicht auf die Kanzlerkandidatur ausplauderte.

Das wird Schulz und anderen Sozialdemokraten nicht gefallen. Das war so nicht abgesprochen. Und das hat nicht wirklich Stil. Niemand durfte etwas sagen, die Angelegenheit war ein Staatsgeheimnis höchster Güteklasse – und dann so etwas. Begreifen kann man es nicht.

Das missglückte Verfahren belastet den Start des Kanzlerkandidaten Schulz zunächst. Er wird es mit seiner Verve, seiner Erfahrung in Wahlkämpfen, seiner Begeisterungsfähigkeit, seiner verständlichen Sprache und seiner Bodenständigkeit schnell wettmachen. Zudem ist er versiert auf internationalem Parkett und beliebter als Sigmar Gabriel. Alles das wird der SPD nützen – in welchem Ausmaß auch immer.

Manche in der Partei mögen es (noch) anders sehen; dazu gehört gewiss die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die kaum eine Gelegenheit ausließ, sich für den Kanzlerkandidaten Sigmar Gabriel auszusprechen. Nun werden sie und Schulz, der auf Platz eins der NRW-Landesliste der SPD steht, im Landtags- und im Bundestagswahlkampf gemeinsam die Bühnen bespielen (müssen).

Schulz fehle die Erfahrung in der Leitung eines Ministeriums, in der Arbeit im Kabinett, in der Bundespolitik, sagen Kritiker und politische Gegner. Das wird sich im Wahlkampf kaum als Nachteil erweisen. Wahrscheinlicher ist, dass der frische Wind, der nun aus Richtung Brüssel und Würselen herüberweht, der müden SPD etwas Frische verleiht. Ob sie reicht, Angela Merkel kräftig genug ins Gesicht zu pusten, ist fraglich, bleibt jedenfalls offen und ist abhängig von möglichen Koalitionsvarianten nach der Wahl. Darüber darf bald spekuliert werden!

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