Kommentiert: Und jetzt auch das noch!

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Kommentiert: Und jetzt auch das noch!

Young-Gwon Kim und Hyeung-Min Son: So lauten die Namen der südkoreanischen Spieler, die den Weltmeister am Mittwoch so gnadenlos, so humorlos, so respektlos vom hohen Weltmeister-Sockel gestoßen haben.

Sie haben damit das letzte Kapitel eines Fußball-Dramas geschrieben, das sich schon seit Monaten andeutete – wenn man ehrlich ist. Und das sollten wir jetzt sein!

Seit vielen Monaten hat es kein überzeugendes Länderspiel der deutschen Mannschaft mehr gegeben. Sie hat ihre Sicherheit, ihre Dominanz, ihren Kombinationsfluss, ihre überragende Systemabsicherung und ihre letzte Konsequenz im Abschluss schon lange verloren.

Die Körpersprache der Spieler sendete nicht erst in der WM-Vorrunde alarmierende Signale aus, dass da etwas nicht stimmte. Selbstgefälligkeit und eine überflüssige Arroganz führten vor und beim Auftakt-Spiel gegen Mexiko zu einem bislang bei einer deutschen WM-Mannschaft nicht gekannten Mangel an Konzentration – auch beim Bundestrainer.

Der späte und einzigartige Treffer von Toni Kroos in der Nachspielzeit gegen Schweden, so durfte man als deutscher Fußball-Fan mit einem Restwert an Zuversicht hoffen, sollte die bis dahin vermisste Dynamik freisetzen.

Überheblich, glücklich, jämmerlich

Weit gefehlt! Überheblich gegen Mexiko, glücklich gegen Schweden, jämmerlich gegen Südkorea: Das war’s.

Längst fehlten uns jenes Selbstbewusstsein und jene Selbstverständlichkeit, die Deutschland vor vier Jahren zum Weltmeister machten. Der Slogan lautete 2014 schlicht und einfach: „Wir schaffen das!“ Die Parallelität mancher Entwicklungen mag gewiss verblüffend wirken, aber sie ist wahrscheinlich nicht einmal zufällig. Mit dem bloßen „Weiter so“ kam auch die Frau, die ebenfalls mit dem Wir-schaffen-das-Etikett unverdrossen Politik „gestalten“ wollte, nicht mehr weit.

Der Verzicht auf neue Köpfe, auf ungewöhnliche Ideen, auf überraschende Perspektiven und die Unfähigkeit, mit Kritik statt beleidigt besser souverän umzugehen, führen im Fußball, in der Politik, in der Wirtschaft und überhaupt in allen relevanten gesellschaftlichen Zusammenhängen letztlich immer zu dramatischen Formen des Versagens.

Das Vorrunden-Aus der deutschen Mannschaft wird von vielen Menschen subjektiv als Schock empfunden. Das sollte man in der akuten Schmerzphase akzeptieren, ansonsten aber an eine gewisse Normalität solcher Ereignisse erinnern. So ist es vor uns auch den Weltmeistern Frankreich, Italien und Spanien passiert, die vier Jahre nach ihren WM-Titeln ebenfalls nach der Vorrunde abreisen mussten. Die Welt ist damals in den jeweiligen Landstrichen nicht untergegangen. Das sollte jedoch als Trost nun an dieser Stelle reichen.

Die zerschossene Nation

Die Pleite gegen Südkorea gibt nämlich durchaus Anlass zu einer veritablen und nachhaltigen Enttäuschung und sogar Warnung. Sie hat uns im Psychogramm der derzeit arg gebeutelten deutschen Nation noch gefehlt, sie ist geradezu das i-Tüpfelchen auf der Tristesse der jüngeren Vergangenheit, die sich in mehreren Punkten beispielhaft beschreiben lässt: Angela Merkels verblassender Glanz als ehemals unangefochtene Kanzlerin; der Niedergang der Volksparteien und damit das Ende gewachsener politischer Stabilität; das Desaster der deutschen Vorzeige-Industrie mit ihrem dreisten Diesel-Betrug; der Abschied von der gewohnten Rolle als führender Staat in der Europäischen Union; und nun auch noch die zerschossene Bastion deutscher Fußballkunst.

Das passt irgendwie zusammen. Stillstand ist Rückschritt. In der Politik und im Fußball. Deutschland hat es erwischt. Jetzt auch auf dem Fußballplatz. Die bittere Konsequenz dieser Ansammlung von Unsicherheit, Ungefährem, Inkompetenz, Arroganz der Macht und dem Ausblenden unangenehmer Realitäten ist ebenso fatal wie selbstverschuldet. 

 

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