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Kommentiert: Tödliches System

Ein Kommentar von Amien Idries

Es wird nichts ändern. Wieder sind in den USA Menschen beinahe beiläufig erschossen worden.

Wieder werden ein paar liberale Amerikaner strengere Waffengesetze fordern, wieder wird die Waffenlobby ihre krude Argumentation platzieren: Das Einzige, was einen bösen Kerl mit einer Waffe stoppt, ist ein guter Kerl mit einer Waffe. Das einzig nennenswert Neue ist das Argument von US-Präsident Obama, der tränennah und fast resignierend sagte: „Irgendwann müssen wir uns mit der Tatsache befassen, dass es dieses Ausmaß von Gewalt in anderen entwickelten Nationen nicht gibt.“ Punkt.

Dennoch gibt es zwei Aspekte, die es vor dem Hintergrund des Massakers von Charleston zu besprechen gilt.

„Es gibt keinen Rassismus“

Verfolgt man ultrakonservative US-Medien wie etwa Fox-News, spielt die Tatsache, dass ein Weißer neun Schwarze erschossen hat, so gut wie keine Rolle. Im Zentrum steht, dass der Angriff in einer Kirche stattfand. Die Toten waren demnach zuallererst Christen und erst dann Schwarze. Der Anschlag sei folglich nicht rassistisch motiviert gewesen, sondern wird als antichristlich interpretiert. Dass die Kirche nicht irgendeine Kirche war, sondern eine wichtige Rolle in der afroamerikanischen Befreiungsgeschichte gespielt hat, wird kaum erwähnt.

Dies passt in die von Fox & Co. verbreitete Legende, dass es Rassismus in den USA nicht mehr gibt. „Ihr könnt doch studieren. Ihr habt doch Euren schwarzen Präsidenten“, lautet die Botschaft, die ihre Wirkung auch in der gesellschaftlichen Mitte entfaltet. Dass man Barack Obama, der einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter hat, genauso gut als weißen Präsidenten bezeichnen könnte. Geschenkt. Dass aber die Präsidentschaft eines Einzelnen nicht gleichbedeutend mit einer umfassenden Chancengleichheit sein muss, sollte eigentlich auch simpleren Gemütern einleuchten.

Ganz im Gegenteil, ein „Schwarzer“ als mächtigster Mann der USA verstärkt offensichtlich die Angst eines Teils der weißen Mittel- und Unterschicht, ihre Vorherrschaft zu verlieren. So soll der Attentäter von Charleston das Massaker mit den Worten eingeleitet haben: „Ihr vergewaltigt unsere Frauen. Ihr nehmt unser Land. Ihr müsst gehen.“

Zweierlei Maß

Wenn die USA sich einer auswärtigen Gefahr gegenübersehen, setzen sie Himmel und Hölle in Bewegung, um die Sicherheit von Amerikanern zu gewährleisten. Vor allem der Kampf gegen den Terror wird und wurde mit dem Schutz von amerikanischen Leben begründet. Ausgelöst durch die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren weder Kosten noch das Völkerrecht Hindernisse, um als Reaktion auf eine auswärtige Bedrohung zwei Kriege zu entfachen, die viele Menschenleben und Milliarden von Dollar gekostet haben.

Bei einer Bedrohung von innen, wie der durch Schusswaffen, reagiert das Land – und dies ist eine gut gemeinte Interpretation – ratlos. Für Amokläufe oder Massaker werden meist verwirrte Einzeltäter verantwortlich gemacht. Nach einem Fehler im System wird kaum gefragt.

Zum Vergleich: Bei den ohne Zweifel schockierenden Anschlägen vom 11. September 2001 wurden knapp 3000 Menschen getötet. Schusswaffen fordern in den USA nach Schätzungen jährlich etwa 30 000 Todesopfer. 2500 davon sind Kinder und Jugendliche. Gegenmaßnahmen? Fehlanzeige. Doch, halt: mehr Waffen. Sie wissen schon: Das Einzige, was einen bösen Kerl mit einer Waffe stoppt, ist ein guter Kerl mit einer Waffe.

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