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Kommentiert: Syrien neu aufbauen

Ein Kommentar von Manfred Kutsch

Gestatten Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, zunächst ein persönliches Wort. Zu den wichtigsten Gepäckstücken auf der Rückreise aus dem Libanon zählten nicht nur unsere Fotos und Notizen, sondern auch ein Gefühl der Demut.

Am Ausgangspunkt der Flüchtlingsströme mussten wir verstehen lernen, was wir vorher nicht begreifen konnten: Warum Menschen aus freier Entscheidung ihr Leben im Mittelmeer aufs Spiel setzen. Nur politische Zyniker wie der designierte AKV-Ordensritter Markus Söder bringen dies in einen Zusammenhang mit den IS-Anschlägen in der französischen Hauptstadt. Tatsächlich sind diese Menschen selbst auf der Flucht vor dem Terror – gerade auch dem des sogenannten Islamischen Staates, der am Tag vor dem Massaker in Paris bei zwei Bombenattentaten in Beirut 41 Menschen ermordete und 200 verletzte.

Wir berichten in unserer neuen Unicef-Aktion „Kinder auf der Flucht – Wir helfen vor Ort“ aus dem Libanon, einem kleinen Land, das staatliche Strukturen verloren hat und – wirtschaftlich ohnehin – kollabiert ist. Auch unter der Last der Vertriebenenströme: Im Libanon kommt auf drei Einwohner mittlerweile ein Flüchtling. Das würde in Deutschland einer Flüchtlingszahl von 27 Millionen entsprechen.

Keinerlei Sozialleistungen

 

Vor Ort sprachen wir mit syrischen Kriegsopfern, die – gezeichnet von Gewalt – kaum ihre Zunge bewegen konnten. Sie haben sich in einem Land niederlassen müssen, in dem sie in dieser Anzahl längst nicht mehr willkommen sind, bestenfalls geduldet werden. Der Libanon – in den 60er Jahren die „Schweiz des Orients“, heute rekordverschuldet und mit weit über 30 Prozent Arbeitslosigkeit – gibt den Flüchtlingen keinerlei Sozialleistungen, nicht einmal Land für große Camps. Denn man hat Angst davor, dass sie sich wie die rund 400 000 Palästinenser im Land dauerhaft hier niederlassen. Allein die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen kümmern sich um das Überleben der Gestrandeten.

 

In einem Land, nur halb so groß wie Hessen, das kaum noch unter Kontrolle ist. Und mittendrin sitzen auf engstem Raum Menschenmassen fest, die „nur davon träumen, in Würde leben zu können – nicht mehr und nicht weniger“, wie mir der Familienvater und Elektromeister Khaled Mohammed (39) wörtlich sagte. Er ist wie viele Flüchtlinge ein Vertreter des syrischen Mittelstandes.

Perspektive durch Bildung

 

Diese oft von Bomben vertriebenen Menschen sind in der Regel mit dem geflohen, was sie gerade auf dem Leib hatten und greifen konnten. Sie sind es, denen unsere Spenden zufließen. „Wir helfen vor Ort“, verspricht unsere Unicef-Aktion, weil wir neben der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge in der Region auch die Kinder nicht aus dem Auge verlieren wollen, die von der „größten humanitären Krise nach dem Zweiten Weltkrieg“, so die Vereinten Nationen, bedroht sind.

 

Wir können nicht nur unseren Teil zur akuten Versorgung der Vertriebenen in den Bergen für den Winter beitragen, sondern ihren Kindern auch mit Bildung eine Perspektive geben, damit hier keine verlorene Generation heranwächst. 400 000 syrische Flüchtlingskinder werden mit Hilfe von Unicef eingeschult, zusätzlich 193 000 arme libanesische Mädchen und Jungen – eine logistische Herkulesaufgabe.

Die hat ein großes Ziel. Denn es geht um die Generation, die irgendwann einmal Syrien wieder aufbauen soll. Das kann nur eine gebildete sein. Je mehr Menschen ihre Zukunft in ihrem eigenen Kulturkreis in die Hand nehmen, umso besser ist es um die Hoffnungen der meisten syrischen Kinder und Jugendlichen bestellt. Befragt nach ihrem Zukunftstraum war die Antwort unisono die gleiche: „Wir möchten zurück nach Hause, nach Syrien.“ Niemand von ihnen hat Europa oder Deutschland gesagt.

az-politik@zeitungsverlag-aachen.de

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