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Kommentiert: Streitkultur gesucht

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Die Kommunikation ist gestört. Das Misstrauen in die Seriosität „der“ Medien wächst.

Man kann es daran erkennen, dass „die“ Medien fast nur noch in dieser Plural-Form erwähnt werden. Eine Unterscheidung nach Fernsehen und Zeitung, nach Nachrichten auf dem Smartphone und in TV-Sendungen, nach einzelnen Zeitungstiteln und nach Boulevard (also Straße) findet kaum noch statt. Der Absturz der Germanwings-Maschine, die folgenden Spekulationen um die Absturzursache, den mutmaßlichen Vorsatz des Copiloten sowie voreilige Antworten auf nicht gestellte Fragen haben die Kluft zwischen „den“ Medien und ihren Nutzern vergrößert.

Viele Menschen sind empört über ihrer Ansicht nach viel zu frühe Schuldzuweisungen. Darin steckt durchaus Berechtigung, aber der Zorn der Gerechten sollte dann auch diverse Staatsanwaltschaften, Airline-Manager und die Armada der sogenannten Luftfahrt- und Psychologie-Experten treffen. Und, was „die“ Medien angeht: eben diejenigen, die in diesen Tagen, falls überhaupt noch vorhanden, ihren Rest an Anstand komplett verloren haben.

Die gierige Meute

Dass die meisten Einwohner von Montabaur, der Heimatstadt des Copiloten und seiner Eltern, Journalisten verachten, kann angesichts der gierigen Meute, die die Kleinstadt überfallen hat, niemanden überraschen. Die Straße, in der die Eltern wohnen, musste wegen der vielen Übertragungswagen gesperrt werden. Man hätte es von vornherein tun sollen!

Was aber sagt man zu dem Grundschullehrer, der in seinem Reihenhaus in Montabaur über den Charakter und die Schulleistungen seines Schülers Andreas plaudert, den er 1998 zuletzt gesehen hat? Oder zu dem Nachbarn, der sich facettenreich über den 27-Jährigen auslässt? Zu den Vereinsfreunden, die bereitwillig Fotos herausrücken? Es sind nicht nur „die“ Medien.

Die Skepsis, der Argwohn, die schroffe Ablehnung, sie reichen weit über die Berichterstattung der Katastrophe hinaus und finden sich im medienkritischen Alltag politischer Berichterstattung wieder. Medien sind nach wie vor als Informationsvermittler ein Teil funktionierender Demokratie. Sie sind auch in Zeiten, in denen das traditionelle Sender-Empfänger-Modell in der Sekunden-Schnelligkeit des Internets scheinbar außer Kraft gesetzt wird, nicht überflüssig geworden. Vielen passt das nicht, und sie unterstellen der – so ihr unverrückbares Beton-Weltbild – manipulierenden, unkritischen und lügenden Journaille, sie würde die Realität inszenieren.

Nur noch Hoforgane?

Selbstkritisch ist gewiss stets aufs Neue zu fragen, ob wir über Politik oder über Darstellung von Politik berichten, über Entscheidungen im Parlament oder Marketing auf den Laufstegen der Geschwätzigkeit. Zum Beispiel. Aber sind Medien schon Hoforgane der herrschenden Klasse, wenn sie nicht jeden Tag einen Politiker wegen eines Skandals aus dem Amt jagen?

Teilen der Medien und der Gesellschaft ist die Streitkultur abhanden gekommen. Da fehlen die Differenzierung und die Besonnenheit, die man braucht, um etwas zu ändern und zu verbessern. Das erreicht man nicht mit pauschalen Beschimpfungen und abstrusen Verschwörungstheorien. Das zerstört jede Form von Dialog, schade.

Dabei wäre er so nötig, um frische Luft in die verkrusteten politischen Prozesse mit ihrer fatal unterentwickelten Bürgerbeteiligung zu pusten.

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