Kommentiert: Sensibel bleiben

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Kommentiert: Sensibel bleiben

Ein Kommentar von Peter Pappert

Wenn nicht ein junger Iraker, sondern der Sohn einer deutschen Familie des Mordes an der 14-jährigen Susanna aus Mainz verdächtigt würde, hätte unsere Zeitung in ihrer gestrigen Ausgabe dann auch im prominentesten Artikel auf Seite 1 darüber berichtet? Wahrscheinlich nicht.

In diesem Fall ist es geschehen, weil das Verbrechen und das Verschwinden des mutmaßlichen Täters mit besonderen Umständen und Defiziten bei Behörden und Ausreisekontrollen verbunden sind.

Richtschnur für eine solche Entscheidung ist der Pressekodex, der auch festlegt, dass die Zugehörigkeit von Verdächtigen oder Tätern zu einer ethnischen, religiösen oder anderen Minderheit nur erwähnt wird, wenn ein begründetes öffentliches Interesse besteht – zum Beispiel bei Terroranschlägen, Fahndungsaufrufen oder außergewöhnlichen Umständen. Darüber kann nur in jedem Einzelfall entschieden werden.

Politische Brisanz ergibt sich daraus, dass erneut ein Asylbewerber im Verdacht steht. Es geht um das Gewaltpotenzial unter jungen männlichen Flüchtlingen, es geht um tatsächliche und vermeintliche Gefahren, es geht um Stimmungen, Klischees und Vorurteile. Die Debattenlage hierzulande wird maßlos aufgeladen – nicht nur auf rechtsextremistischen Internetseiten, sondern auch von Abgeordneten im Bundestag. Eine Zeitungsredaktion muss das berücksichtigen.

Wenn es stimmt, was über den verdächtigen Ali B. zu lesen ist, hat er das deutsche Asylrecht ausgetrickst und sich mehrerer Gewaltdelikte und anderer Vergehen schuldig gemacht. Dass ein solcher Krimineller nicht längst festgesetzt und abgeschoben wurde, führt zu Unverständnis, Misstrauen und Wut. Journalisten haben damit sensibel umzugehen. Darum bemühen wir uns und sind uns nicht immer sicher, ob es gelingt.

Solche Taten nicht pauschal zulasten aller Flüchtlinge zu verallgemeinern, liegt aber auch in der Verantwortung jedes Einzelnen. Man kann das Asylrecht und die mit ihm verbundenen juristischen Möglichkeiten als materielle Belastung und kulturelle Zumutung empfinden; in erster Linie ist es unerlässliche und verfassungsrechtlich garantierte Humanität.

Diese Humanität ist auf Dauer nur zu gewährleisten, wenn sie von breitem gesellschaftlichen Konsens getragen wird. Der wiederum wird beschädigt, wenn sich Kriminalität von Asylbewerbern häuft. Das ist nicht hinnehmbar, eben weil unser Gemeinwesen das Recht auf Asyl für alle, die Schutz brauchen, weiterhin gewährleisten muss und will. Gewaltlosigkeit ist das Minimum an Menschlichkeit, das diese Republik von jenen erwarten kann, die sie aufnimmt. Wer das nicht will, hat in Deutschland nichts zu suchen.

All das haben wir bei unserer Arbeit zu berücksichtigen und sind uns bewusst, dass wir nicht fehlerfrei sind. Worüber berichtet unsere Zeitung ausführlich, worüber kurz, was gehört auf die erste Seite, was wird auf anderen Seiten behandelt? In mehreren Konferenzen werden diese Fragen jeden Tag diskutiert.

Über das Ergebnis gehen die Auffassungen unter Kolleginnen und Kollegen häufig auseinander. Wäre es anders, hätte die Redaktion ein Problem. Denn dieser Diskurs spiegelt die Meinungsvielfalt überall in der Gesellschaft wider. Er ist so unvermeidlich wie notwendig – eine Form von Selbstkontrolle.

Die zweite Kontrollinstanz sind Sie, Ihre Reaktionen, Ihre Kritik, Ihre Meinung zu dem, was wir tun.

 

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