Kommentiert: Selige Zeiten

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Kommentiert: Selige Zeiten

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Warum spricht die katholische Kirche heutzutage in diesen digitalen Welten jemanden selig? Ist das noch zeitgemäß? Und muss das wirklich sein – mit einer über zwei Stunden dauernden Zeremonie im Aachener Dom? Es muss nicht sein, ist aber gut, dass es am Samstag in Aachen so war!

Der würdigen und angemessenen Feier mangelte es natürlich nicht an der bewährten Klassik; denn die katholische Kirche weiß, wie man derart seltene Anlässe ausgiebig feiert. Aber das war nur der Rahmen für eine Persönlichkeit, die den oft vergessenen sozialen Auftrag und Kern des Katholizismus in den Mittelpunkt stellte: Clara Fey. 

Die Aachener Fabrikantentochter und Ordensschwester hat sich im 19. Jahrhundert nicht nur der Frömmigkeit und dem Gebet zum lieben Gott gewidmet. Sie hat angepackt, sie hat die Ausbeutung der Kinder, die zwölf Stunden in den Fabriken für ein Zehntel des normalen Lohns schuften mussten, wirksam bekämpft. Sie hat Schulen für diese Arbeiterkinder gegründet, Unterricht erteilt und in der brutalen Welt der Industrialisierung mit Unterstützung ihrer Familie und ihrer Freundinnen zur Entwicklung eines neuen Aachener Katholizismus erheblich beigetragen. Sie war im positiven Sinne eine soziale Aktivistin.

Die mitleidende Kirche

Ja, die Geschichte der Kirche umfasst zu viele leidvolle Kapitel von Kreuzzügen, Intrigen, Bevormundung und Missbrauch. Aber sie war und ist, vor allem an der Basis, auch eine soziale Kirche, eine mitleidvolle und fürsorgliche, geprägt von Menschen wie Clara Fey. Deshalb trug die Aachener Seligsprechung aktuelle gesellschaftspolitische Züge.

Ob Industrialisierung oder Globalisierung: Früher wie heute werden Menschen ausgebeutet und ausgegrenzt, wächst die Schere zwischen Arm und Reich, ist Bildung noch immer zu stark abhängig von der familiären und sozialen Herkunft. Das Engagement Clara Feys und ihrer Ordensschwestern hatte in Bismarcks Kulturkampf keine Chance. Dem protestantischen Berlin waren die Aktivitäten der katholischen Kirche in der Bildung und in der Sozialhilfe suspekt. Die Schulen mussten schließen und der Orden machte im niederländischen Simpelveld einen neuen Anfang.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet erinnerte in seinem bemerkenswerten Grußwort im Aachener Dom daran: „Die katholische Kirche gehörte für den protestantischen Kaiser nicht zu Deutschland. Eine solche Diskussion sollte man niemals führen, zu keiner Zeit.“ 

Nicht wegschauen!

Der Bezug war ebenso aktuell wie manche andere Hinweise an diesem Vormittag, etwa als Bischof Helmut Dieser Clara Feys besondere Attitüde hervorhob: nicht wegzuschauen und die Biografie anderer Menschen zum Guten zu wenden. Wie viele Anlässe zu helfen gibt es heute! Mit und ohne Migrationshintergrund.

Und so ist der Satz der Ordensschwester vom armen Kinde Jesus uneingeschränkt gültig und verbindlich: „Erweitere Dein Herz. Vertraue in jedem Fall immer und immer wieder.“ Und spüre, dass Du etwas verändern kannst, wenn Du es willst.  Was für ein schönes, aktuelles, wichtiges und auch fröhliches Wochenende das war!

 

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