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Kommentiert: Seid anspruchsvoller!

Ein Kommentar von Peter Pappert

Wenn Gesprächspartner jahrzehntelang aufein- ander eingedroschen haben, aus ganz unterschiedlichen kulturellen Milieus kommen, in der Sache und im politischen Stil meilenweit voneinander entfernt sind, müssen sie sich erst mal richtig kennenlernen und versuchen, den anderen zu verstehen, können sie nach zwei Wochen Verhandlungen gar nicht weiter sein, als sie jetzt sind.

Nun wird man aber die alten Animositäten und Vorurteile mal beiseite schieben müssen, wenn man wirklich zum Ziel Jamaika kommen will. Angela Merkel und Katrin Göring-Eckardt – immerhin Spitzenkandidatinnen ihrer Parteien – würden sich ohne allzu große Probleme und ziemlich rasch auf eine gemeinsame Koalition verständigen können. Kompromissfähig, gemäßigt, realistisch und leise statt laut – so ginge das nämlich.

Dazu sind diverse Herren aus allen vier Parteien nicht in der Lage. Und vor allem in den drei kleinen Parteien nörgeln viele Mitglieder, die genau wissen, was sie nicht wollen, aber nicht wissen, was sie wollen – angesichts der am 24. September geschaffenen Realität.

Als erstes sollten sich die Jamaika-Reisenden Europa vornehmen: die große Chance, die Macron bietet, nutzen, mit Paris energisch voranschreiten, die Integration vertiefen und den Nationalisten Paroli bieten. Wenn sie sich nicht einmal darauf nicht verständigen können, es wäre lachhaft, erbärmlich.

Viele Herausforderungen bieten Chancen: Den Pflegeberuf deutlich attraktiver machen, um bereits spürbare Engpässe zu beseitigen, ein konsequentes Integrationskonzept für Migranten und Flüchtlinge durchsetzen. Noch viel ließe sich nennen. Und in der Klimapolitik könnte man zumindest Fakten gemeinsam zur Kenntnis nehmen: Nach den allerneuesten Zahlen der Vereinten Nationen ist die Treibhausgas-Konzentration überhaupt noch nie so schnell gestiegen wie 2016.

Anspruchsvolle Klimapolitik gehört zudem und nicht zuletzt zu einer nachhaltigen Bekämpfung von Fluchtursachen weltweit. Daraus Konsequenzen zu ziehen, könnte eines jener Projekte sein, mit denen ein Jamaika-Bündnis sich profilieren kann und muss.

So ließe sich, wenn man denn will, eine große Botschaft, das Gemeinsame dieser schwierigen Koalition finden. Wenn Jamaika aber trotz aller Mühe nicht zu erreichen sein sollte, wird es keine Neuwahl, sondern eine große Koalition geben. Will die SPD noch ernstgenommen werden, wird sie sich dem nicht verweigern können. Auch sie hat – hoffentlich – ein Interesse daran, die oben genannten Aufgaben zu erledigen. Gestern schimpfte SPD-Chef Schulz reichlich pauschal und platt auf die Gespräche von Union, FDP und Grünen. Mit dieser billigen Tour werden die Sozialdemokraten nicht durchkommen, wenn es doch noch ernst werden sollte.

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