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Kommentiert: Sehr gute Wahl

Ein Kommentar von Amien Idries

Eine bessere Vorlage als in diesem Jahr dürfte das Karlspreisdirektorium selten bekommen haben.

Der neue Preisträger wird an einem denkwürdigen Wochenende verkündet, das wie in einem Brennglas die Probleme aufzeigt, vor denen der europäische Kontinent steht. Zum einen wäre da die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Donald Trump unmittelbar vor diesem Wochenende. Trump ist die Antithese all dessen, wofür der Karlspreis zumindest dem Papier nach steht.

Man muss ihn in eine Reihe mit autoritären außereuropäischen Regierungschefs wie Putin und Erdogan stellen, die aus der europäischen Schwäche ihre nationalistische Stärke ziehen. Steilvorlage für das Direktorium Zum anderen trafen sich am Wochenende in Koblenz Europas innereuropäische Gegner. LePen, Wilders, Petry & Co., deren abenteuerliche Argumentation lautet: Nicht wir mit unserem neuen Nationalismus gefährden die europäische Einigung, sondern eben diese Einigung frisst sich quasi selbst, weil sie die innereuropäische Solidarität etwa in der Flüchtlingsfrage überfordert habe und so Unfrieden stifte.

Eine krude Position, die außer Acht lässt, dass die EU eben nicht nur ein interessengeleiteter Zusammenschluss von Staaten, sondern zu allererst eine Wertegemeinschaft ist. Oder muss man derzeit „sein sollte“ sagen? Werte jedenfalls, die der Karlspreis für sich reklamiert, auch, wenn ihnen nicht jeder Preisträger vollkommen entsprach. Das Direktorium brauchte bei dieser Steilvorlage also – um in der Fußballersprache zu bleiben – nur den Fuß hinzuhalten.

Einen Protagonisten wählen, der sowohl den inner- als auch den außereuropäischen Feinden der Einigung etwas entgegenhält. Erschwert wird dies durch die in den vergangenen Jahren immer stärker gewordene Herausforderung, die man als das Wer-soll-wen-ehren?-Dilemma beschreiben könnte. Der Preis den Preisträger oder doch eher der Preisträger den Preis? So eindringlich Papst Franziskus 2016 bei der Karlspreisverleihung Europa auch ins Gewissen geredet hat, den Karlspreis braucht er für so etwas nicht. Hier war ganz klar, dass etwas vom Glanz des Preisträgers auf den Karlspreis abfallen sollte.

Wenn hingegen unbekanntere Menschen ausgezeichnet werden, sieht sich das Direktorium Fragen ausgesetzt, warum man denn kein bekannteres Gesicht für den Preis bekommt. Vor diesem Hintergrund hat das Direktorium mit Timothy Garton Ash eine hervorragende Wahl getroffen. Der britische Historiker ist alles andere als ein Promi, aber bekannt und vor allem inhaltsstark genug, um dem Preis den nötigen Glanz zu verleihen.

Er sticht als Wissenschaftler angenehm aus der Riege der politischen Funktionsträger heraus, bei denen oft genug der Eindruck entstand, dass sie wegen ihres Amtes und nicht wegen ihrer Persönlichkeit ausgezeichnet werden. Er ist ein Wissenschaftler, der sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern die Debatte darüber, wie wir leben wollen, durch kluge Beiträge bereichert – zuletzt mit seinem Buch „Redefreiheit“ über Meinungsfreiheit in Zeiten von Facebook, Snapchat und Twitter.

Und er ist ein Brite, der fest zur europäischen Einigung steht. Vielleicht das wichtigste Karlspreis-Zeichen im Jahr, in dem der Brexit ausgehandelt wird. Wer Garton Ash bei der Verleihung der Karlsmedaille für europäische Medien 2013 in Aachen erlebt hat, wird sich auf die Preisverleihung freuen. Es könnte eine wegweisende Rede in schwierigen Zeiten werden.

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