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Kommentiert: Schulz füllt Marktlücke

Ein Kommentar von Amien Idries

Bei aller berechtigten Skepsis, die Meinungsumfragen derzeit entgegengebracht wird, dürften in der SPD-Zentrale beim Anblick der Zahlen des ARD-Deutschlandtrends die Sektkorken geknallt haben.

Beeindruckende Steigerungswerte sowohl für die Partei als auch für ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der die Amtsinhaberin bei einer Direktwahl hinter sich lassen würde. Eine angesichts des Wahlrechts hypothetische Zahl, die aber ihre Kraft entfalten wird. Vor allem innerhalb der SPD. Galten doch seit mehr als zehn Jahren Sozialdemokraten, die vor einer Bundestagswahl einen Wahlsieg proklamierten, als ziemlich realitätsentrückt. Das Umfrage-Signal an die SPD-Basis lautet: Es gibt eine Möglichkeit, die „ewige Angela“ zu schlagen.

Genau entgegengesetzt dürfte die Stimmung bei der CDU sein. Gab man sich dort nach der Schulz-Nominierung noch betont gelassen, dürfte man inzwischen realisiert haben, dass die Macht der Kanzlerin nicht nur von rechts außen bedroht ist. Vielmehr hat Sigmar Gabriel durch die Entscheidung, Schulz den Vortritt zu lassen, eine weitere offene Flanke der Union entblößt. Interessant wird sein, wie die darauf reagiert. Klar ist, dass Merkel durch die Umfragen geschwächt ist. Nicht auszuschließen, dass die Union mit einem Rechtsruck reagiert, um zumindest die eine Flanke zu schließen. Vielleicht wird der Wahlkampf 2017 mal wieder so etwas wie ein Lagerwahlkampf.

Es ist natürlich noch viel zu früh, um konkrete Schlussfolgerung für den September zu ziehen. Auch weil Medienvertreter nach Brexit und Trump in Sachen Umfragen ebenso gebrannte Kinder sind wie die politische Klasse. Dennoch lässt sich an den guten Ergebnissen für Schulz mindestens eines ablesen: Der Mann aus Würselen füllt offensichtlich eine Marktlücke aus. Das liegt vor allem an seiner Authentizität. Oder an dem, was bei den Menschen authentisch ankommt. Schulz gilt als jemand, der sagt, was er denkt, der auch mal die grobe rhetorische Kelle auspackt. Und als einer, der offen mit seiner Biografie umgeht: kein Abitur, kein Studium, keine Exekutiverfahrung. Noch dazu trockener Alkoholiker.

Versuche des politischen Gegners, diese biografischen Daten zum Malus für Schulz zu machen, dürften scheitern. Weil der bundespolitisch unbefleckte Schulz mit genau diesen Merkmalen nach zwölf Jahren Merkel und einer zumindest gefühlt ebenso langen großen Koalition das Bedürfnis nach einer anderen Politik stillt. Dass er das dienstälteste SPD-Vorstandsmitglied ist und auf eine lange Berufspolitikerkarriere zurückblickt, blenden die Menschen dabei offenbar aus. In gewisser Weise ist Schulz das Anti-Establishment-Angebot des Establishments.

Bliebe die Hoffnung, dass er damit vielleicht den einen oder anderen Menschen abholt, der auf „Altparteien“ und verkrustete Politik schimpft, von dem rechtsextremen Kurs aus Teilen der AfD aber abgestoßen ist.

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