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Kommentiert: Reden wir über Angst

Ein Kommentar von Amien Idries

Lassen Sie uns über Angst reden: der Sexskandal aus der Kölner Silvesternacht, Selbstmordattentat in Istanbul, IS-Terror in Jakarta, Geiselnahme in Burkina Faso, IS-Massaker in Syrien. Unaufhörlich prasseln die negativen Schlagzeilen auf uns ein.

Selbst Journalisten, die per definitionem Nachrichtenprofis sind, können angesichts der immer neuen Horrormeldungen aus allen Teilen der Welt wohl kaum so etwas wie Angst verhehlen. Bis hierhin eine durchaus menschliche und nachvollziehbare Reaktion.

Zitat aus dunklen Zeiten

Angst ist aber nicht nur ein subjektives Gefühl, das in der Entwicklungsgeschichte eine ungemein wichtige Rolle gespielt hat, sondern stellt auch eine enorme politische Kraft dar. Vor allem, wenn sie geballt in einer Gesellschaft auftritt. Mit dem Kampf gegen das, was Angst macht, lässt sich vieles rechtfertigen, das bei nüchterner Betrachtung vehemente Gegenwehr hervorrufen würden: Vorratsdatenspeicherung, Kameraüberwachung, Einsatz der Bundeswehr im Inneren, Bürgerwehren, Selbstbewaffnung. Angst lähmt offenbar nicht, wie der Küchenpsychologe vermuten würde, sondern führt zumindest auf der politischen Ebene zur Reaktion. Mitunter zur Überreaktion.

Wer aber ist schuld an dieser Angst und der daraus resultierenden Sorge um die eigene Sicherheit? Die Politik, sagen viele. Wer es zulässt, dass Frauen in der Silvesternacht einer Horde wildgewordener Männer ausgeliefert sind, die augenscheinlich dem nordafrikanischen Raum entstammen, muss sich über steigende Waffenverkäufe und ausländerfeindliche Ressentiments nicht wundern. Wer negative Nachrichten zurückhält, aus Angst, die Menschen zu überfordern, darf sich nicht über Verschwörungstheoretiker echauffieren. Wenn die Bürger sich ängstigen, ist der Staat schuld, der eigentlich für den Schutz dieser Bürger verantwortlich ist, lautet diese Logik, an der durchaus etwas Wahres dran ist.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn auch jeder einzelne trägt Verantwortung. Dafür, dass er sich eben nicht anstecken lässt von den apokalyptischen Meldungen, die im Sekundentakt über Webseiten und den eigenen Facebook-Stream auf ihn einprasseln. Dafür, dass er nicht jeden Quatsch über die Sozialen Netzwerke teilt und somit seinen Teil zum apokalyptischen Grundrauschen beiträgt. Dafür, dass er sich die Frage stellt, ob es denn wirklich sinnvoll ist, den kleinen Waffenschein zu beantragen, um ein in aller Regel diffuses Angstgefühl zu beruhigen.

Nicht wenige werden dem Autor dieser Zeilen nun Naivität und journalistisches Elfenbeinturmdenken vorwerfen. Diesen hält er ein Zitat des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt entgegen. Es stammt aus seiner Rede zur Amtseinführung vom 4. März 1933. Die globale Wirtschaftskrise hatte die Welt fest im Griff, und in Deutschland hatten die Nazis die Macht übernommen. Dunkle Zeiten also – die nur Geschichtsvergessene mit der derzeitigen Situation vergleichen würden –, in denen Roosevelt seinen Landsleuten durchaus selbstbewusst folgenden Satz mit auf den Weg gab: „The only thing we have to fear is fear itself“ (Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst).

Selbst wenn man dem Staatsmann Roosevelt eine unlautere Zuspitzung vorwerfen kann; etwas mehr von diesem Selbstbewusstsein wäre derzeit hilfreich.

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