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Kommentiert: Patienten in Gefahr

Ein Kommentar von Amien Idries

Produktivität ist gefordert. Unser Wirtschaftssystem verlangt Effizienz. Das ist per se erst einmal nicht verwerflich, wenn die Arbeitnehmer adäquat an ökonomischen Erfolgen beteiligt werden und sich von der Arbeitsbelastung erholen können.

Das schließt kurzfristige Spitzen nicht aus, die in vielen Arbeitsbereichen aber verkraftbar sind. Und wenn gar nichts mehr geht, sollte der Arbeitgeber die Arbeitnehmer schützen, indem er die Belastung herunterfährt. Das ist auch in seinem Sinne.

Es gibt jedoch Arbeitsbereiche, für die diese Regeln nur bedingt gelten. Zu diesen gehören die Krankenpflege im Allgemeinen und die Intensivpflege im Speziellen. Hier sind auch kurzfristige Überlastungen extrem gefährlich, weil sie im schlimmsten Fall Menschenleben kosten können. Wenn etwa Lagerungswechsel zur Prophylaxe von Druckgeschwüren seltener durchgeführt oder stressbedingt die Hygieneregeln vernachlässigt werden, dann hat das einen negativen Effekt auf den Zustand des Patienten. Auch wenn der Beweis für den Zusammenhang zwischen konkreter Personalnot und konkretem Druckgeschwür schwer zu führen ist; es gibt ihn.

Der Gesellschaft muss klar sein, dass Personalnot auf einer Intensivstation andere Folgen hat als beispielsweise in einer Bäckerei. Deshalb sind befristete Bettensperrungen besonders auf Intensivstationen notwendig. Sie müssen noch viel häufiger und vor allem frühzeitiger stattfinden als bisher, auch wenn Krankenhausmanager das nicht gerne sehen. Hier ist auch das Pflegepersonal gefordert, selbstbewusster sogenannte Überlastungsanzeigen zu schreiben, damit die Leitungen der Häuser offiziell über den Notstand informiert werden. Auch das wird nicht gerne gesehen, es gehört aber zur Verantwortung der Pflegekräfte, auf Zustände hinzuweisen, die das Wohl der Patienten gefährden.

Damit ist es aber nicht getan. Hinter dem Personalnotstand steht ein größeres Problem: das der zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Das hat sich seit der Umstellung der Abrechnung verschärft. Bis 2003 wurde nach Liegedauer abgerechnet, seitdem rechnen die Krankenhäuser mit den Kassen über Fallpauschalen ab. Da die Häuser sich in einem zunehmenden Konkurrenzkampf befinden, müssen Krankenhausmanager die Fallzahlen nach oben treiben. Besonders rechnen sich hier Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden.

So gibt es nicht wenige Experten, die kritisieren, dass das Fallpauschalensystem mitunter falsche Anreize setzt. Etwa bei der Beatmung von Patienten, die nach Dauer vergütet wird. Ein ökonomisch denkender Chefarzt könnte auf den Gedanken kommen, einen Patienten doch noch einen Tag länger beatmen zu lassen, damit dieser in die nächst höhere Gruppierungsstufe eingeordnet wird.

Hinzu kommt, dass in der Intensivmedizin die Innovationszyklen immer kürzer werden. Neuartige Therapien und neue Geräte lassen sich gut abrechnen, führen aber auch dazu, dass die Belastung für das Personal steigt. Ein Personalschlüssel, der vor zehn Jahren noch vertretbar gewesen sein mag, kann heutzutage in einen permanenten Notstand führen, weil Patienten an immer mehr Geräten hängen, kränker und betreuungsbedürftiger sind.

All das führt dazu, dass der ohnehin nicht sonderlich beliebte und unterbezahlte Pflegeberuf, über massive Nachwuchssorgen klagt und viele Pflegekräfte den Beruf schnell wieder verlassen.

Was also tun? Natürlich müssen Pflegekräfte besser entlohnt werden. Wir müssen als Gesellschaft aber auch offen über Grenzen der Intensivmedizin reden. So sinnvoll sie in vielen Fällen ist, so inhuman kann sie mitunter sein. Wenn Sterbenskranke mit sehr teuren und extrem belastenden Therapien gequält werden, ist das weder im Sinne unseres Gesundheitswesens noch im Sinne der Patienten.

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