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Kommentiert: Paris. Am Samstagmorgen.

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Die französischen Medien schreiben gerade von 128 Toten. Auch "Le Monde" aktualisiert ständig die Zahlen, erweitert die Chronologie, die sich während der Nacht unerbittlich zu einer unfassbar schrecklichen Horrorbilanz erweitert.

Der Krieg: Diese Hass-Unmenschen, diese vom Jenseitswahn Getriebenen, diese von Gewalt-Ideologen vergifteten jungen Mörder und Selbstmörder haben uns, die Europäer, gestern tief getroffen. Es ist ein Krieg gegen unsere Werte, gegen unsere Lebensart, gegen Freiheit, gegen Aufklärung, gegen Meinungsvielfalt, gegen die Freude am Leben, gegen unseren Alltag mitten in Europa. Es ist eine in diesen katastrophalen Ausmaßen kaum für möglich gehaltene gnadenlose Aggression. Der 13. November 2015 in Paris zeigt auch: Der 11. September 2001 ist nicht vorbei. 

Rue de Charonne. Diese Straße im 11. Arrondissement kenne ich gut, sehr gut. Zwei Jahre hat unsere Tochter dort in einem Studentenheim gewohnt. 18 Menschen wurden gestern Abend auf der Terrasse des Restaurants "Bar La Belle Equipe", Rue Charonne 92, getötet. Nur ein paar Meter weiter, im L'Armagnac Café, Rue de Charonne 104, haben wir mit der Familie und Freunden bei manchen unserer Paris-Besuche mit lebenslustigen Franzosen gefeiert und sogar gesungen. Dieses Arrondissement ist eine Gegend der gelassenen, fröhlichen, liberalen Menschen, der Toleranz, der Internationalität, ein Zentrum der Nationen, die sich gut verstehen. Es wird nicht wieder so unbeschwert, so scheinbar sicher sein: Wer durch die Rue de Charonne oder über den nahen Boulevard Richard Lenoir geht, wird immer an diesen 13. November denken.

Gegen den Terror. Nach dem Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" versammelten sich geschätzte 100.000 Menschen auf der Place de la République, auch sie ist nur wenige Schritte von der Charonne entfernt. Die Pariser haben sich damals damit gegen den wahnsinnigen Terror gewehrt, wohl wissend, dass eine Demo alleine nichts ändert. Aber es ist dennoch wichtig, Mut zu demonstrieren, zu zeigen, dass man nicht resigniert, nicht aufgibt, den Wahnsinnigen nicht kampflos das Feld überlässt. Tausende Besucher des Länderspiels sangen spontan die Marseillaise.

Ehemalige "Freunde". Ja, Social Media. Einige können es nicht lassen und meinen, sie müssten die Flüchtlingsproblematik in Deutschland in ihr einseitiges Weltbild posten. Mahnungen an Merkel, an Gutmenschen, und unverhohlene, geschmacklose Sätze wie: "Das ist die Wende." Da wurde es höchste Zeit, heute einige sogenannte "Freunde" mal ganz schnell aus der Facebook-Liste zu entfernen. Auf Nimmerwiedersehen.

Die Medienkritikaster. Richtig ärgerlich sind auch die Besserwisser, die Sesselbeobachter am Fernsehen. Sie twittern unverdrossen ihre Kritik an ARD und ZDF. Manche Reaktionen waren angesichts der ständig steigenden Opferzahlen einfach nur widerlich. Sollen die Reporter an allen Orten gleichzeitig sein? Sollen sie mehr wissen, als die Behörden zu bestimmten Zeitpunkten selber? Was erwartet man in einer solchen auch medialen Krisensituation von Sportjournalisten, die eigentlich ein Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland übertragen sollen? Die nicht mal ahnen, was in dem Stadion, in dem sie gerade sind, passiert und vielleicht noch passieren könnte? Was sollen die Nachrichtenagenturen machen? Korrespondenten in allen Arrondissements von Paris sozusagen auf Vorrat postieren? Da ist es besser, auch mal zu sagen, dass man (noch) nichts weiß. Was will ein Teil der Zuschauer? Gerüchte, Spekulationen, Sensationen? Um dann später zu sagen, die Medien seien nicht glaubwürdig... Guter, seriöser, anspruchsvoller Journalismus braucht zuweilen vor allem eins: Zeit. Und das erfordert im Wohnzimmer vor der TV-Kiste vor allem: in Geduld abzuwarten.
 

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