Kommentiert: Notbremse gezogen

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Kommentiert: Notbremse gezogen

Ein Kommentar von Amien Idries

Lassen Sie uns ein wenig rechnen. Die Zahl der Geburten in Deutschland steigt. Parallel dazu sinkt die Zahl der Geburtsstationen. Klingt nicht logisch? Nur, solange man die Wirtschaftlichkeit nicht ins Spiel bringt. Dann nämlich ergibt das Ganze Sinn.

Trotz der steigenden Geburtenzahl sind Geburtsstationen im streng ökonomisch durchgetakteten Klinikbetrieb Rentabilitätskiller. Vorgaben – etwa ein Kinderarzt und ein Anästhesist, die immer in Rufbereitschaft sein müssen – machen es vor allem kleinen Häusern schwer. Hinzu kommen die hohen Haftpflichtprämien, die zum einen die Häuser belasten und zum anderen die Zahl der Belegärzte und -hebammen schrumpfen lassen. Kurzum: Nur große Geburtsstationen ab etwa 800 Geburten pro Jahr arbeiten rentabel.

Personalkosten senken

In kleineren Einheiten steigt zwar ebenfalls die Zahl der Geburten, kleine Stationen bleiben aber Zuschussgeschäfte. Da die Einnahmeseite vom Krankenhaus kaum beeinflusst werden kann, bleibt den Verantwortlichen meist nur die Wahl, die Geburtshilfe intern zu subventionieren und die Ausgaben so gering wie möglich zu halten. Bei den Ausgaben greift dann das BWL-Einmaleins: Personalkosten so gering wie möglich halten.

So ist es offensichtlich auch in Simmerath gelaufen. Man muss sich einmal vorstellen, dass dort vier Hebammen ihren Rufdienst-Vertrag gekündigt haben. In dem Wissen wohlgemerkt, dass dies zu einer eklatanten Unterversorgung in der Eifel führen wird. Man darf davon ausgehen, dass sich die Hebammen diese Entscheidung nicht leichtgemacht haben. Man darf diesen letzten Schritt sogar als Hilfeschrei verstehen, der notwendig war, weil alle anderen Argumente nicht gehört wurden. Weil die Arbeitsverdichtung ein Ausmaß angenommen hat, durch das sie weniger ihr eigenes Wohl als vielmehr das der Schwangeren und deren Kinder gefährdet sahen.

Geld in die Hand nehmen

So sehr die Notbremse in Simmerath die Verantwortlichen alarmiert haben dürfte, weil sie um das Image ihres Hauses fürchten, so sehr dürften sie sich zumindest aus ökonomischer Sicht gefreut haben. Das wiederum zeigt das grundsätzliche Problem, das weder in Simmerath noch in einem anderen betroffenen Krankenhaus gelöst werden kann. Es geht prinzipiell darum, welche Entbindungskultur wir wollen. Eine zentralisierte mit großen Geburtsstationen in den Oberzentren oder eine dezentrale? Wenn man sich für die zweite Variante entscheidet, muss man dafür als Gesellschaft Geld in die Hand nehmen und nicht wohlfeil auf Krankenhäuser zeigen, die im Rahmen gewisser ökonomischer Rahmenbedingungen arbeiten.

Dass eine solche öffentliche Debatte zielführend sein kann, zeigt ein anderer Trend in der Geburtshilfe: Die Zahl der Hausgeburten steigt. Nachdem viele freiberufliche Hebammen die Geburtshilfe wegen der horrenden Versicherungsbeiträge aufgegeben hatten, gab es eine öffentliche Debatte, die auch dafür sorgte, dass es inzwischen Zuschläge für die Beiträge gibt. Das und die eben beschriebene Arbeitsbelastung in den Geburtsstationen hat dazu geführt, dass wieder mehr Hebammen zur außerklinischen Geburtshilfe bereit sind.

 

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