Kommentiert: Mit Marx und Mut

7326820.jpg

Kommentiert: Mit Marx und Mut

Ein Kommentar von Peter Pappert

Die Aufgabe ist angesichts zäher Probleme der katholischen Kirche in Deutschland nicht attraktiv.

Trotzdem darf man dem Münchener Kardinal glauben, dass ihm sein neues Amt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gefällt. Niemand sonst unter den gut zwei Dutzend Diözesanbischöfen würde so viel Freude daran haben. Das liegt daran, dass Reinhard Marx Spaß macht, was den meisten seiner Amtsbrüder nicht liegt: der machtbewusste Auftritt. Sein Vorteil gegenüber Konkurrenten: Er ist hierzulande und in Rom schon einflussreich; er muss es nicht erst werden.

Neuer Stil

Die Zeiten von Benedikt XVI. und Robert Zollitsch – bedächtig, betulich, salbungsvoll – sind vorbei. Franziskus und Marx stehen für einen anderen Stil: zupackend, voller Elan, kämpferisch. Der neue DBK-Chef wird der Politik in Sozial- und Wirtschaftsfragen die Leviten lesen. Das ist Marx weniger seinem berühmten Namensvetter schuldig als vielmehr jenen Überzeugungen von Solidarität und Nächstenliebe, die er mit Franziskus teilt. Zwar liegt dem Kardinal durchaus das Barocke, für das Franziskus nun wahrlich nicht steht. Aber beide haben die Schattenseiten der Globalisierung und des Kapitalismus‘ fest im Blick und sehen in ihrer Kirche erheblichen Reformbedarf. Schließlich ist Marx als Mitglied des achtköpfigen Kardinalsrats (K8), der mit Franziskus die Kurie reformieren soll, ein enger Berater des Papstes.

Hohe Prinzipien

Allerdings steht Marx in Fragen, die die Kirchenlehre, das Verhältnis von Weltkirche und Ortskirchen und die Seelsorge betreffen, bislang nicht in dem Maße für Offenheit und Modernisierung wie Karl Lehmann oder Heinrich Mussinghoff, wie Franz-Josef Bode oder Stephan Ackermann. Wobei solche Zuschreibungen den Medien oft vorgehalten werden: Man dürfe die Betreffenden nicht immer gleich in Schubladen pressen, sondern müsse ihnen die Chance geben, sich im Amt zu profilieren. Doch niemand darf sich beschweren, wenn man ihn an seinen eigenen Aussagen misst. Marx ist nicht stockkonservativ; aber in den hierzulande die Katholiken besonders bewegenden Fragen hat er sich noch nicht als fortschrittlich erwiesen.

Es geht nicht darum, dass die katholische Kirche ihre Glaubensinhalte und Prinzipien ändert. Sie kann dabei bleiben, dass die vor Gott geschlossene Ehe etwas für das ganze Leben ist, dass Sexualität am besten aufgehoben ist in der Ehe zwischen Mann und Frau. Aber wer solche Maßgaben vertritt, muss und darf nicht jene als Sünder verurteilen, die trotz allen Bemühens diese kirchlichen Anforderungen nicht erfüllen können und mit gutem Gewissen und gegenseitiger Hochachtung andere Wege gehen.

Es wird auch nach den für Herbst geplanten Familiensynoden in Rom keine Maßgabe aus dem Vatikan geben, die die kirchliche Sexualmoral, die katholische Haltung zu Pille und außerehelichem Sex ändert oder wiederverheiratete Geschiedene generell zur Kommunion zulässt. Besten- und äußerstenfalls wird Rom den Ortskirchen in solchen pastoralen Fragen mehr Entscheidungsfreiheit geben. Dann könnten sich viele Bischöfe nicht mehr hinter Rom verstecken.

Alte Angst

Dass es ausdrücklicher Wille des Papstes ist, den Bischofskonferenzen mehr Kompetenzen zu geben, hat Marx gestern bestätigt. Er muss es wissen. Dann kommt es auf ihn an. Er ist in seinem neuen Amt nicht Vorgesetzter seiner Mitbrüder, sondern lediglich Sprecher der Bischofskonferenz, die in wichtigen Fragen der Kirchenlehre und Seelsorge tief gespalten ist. Jetzt ist es mehr denn je die Aufgabe dieses glaubensstarken, selbstbewussten und rhetorisch versierten Mannes, die Aufbruchstimmung, die der Papst bewirkt hat, zu stärken.

Mit seinem ersten Jahr im Amt hat Franziskus viele Gläubige beflügelt und große – zu große? – Hoffnungen geweckt. Wenn die katholische Kirche viele Gläubige erneut enttäuscht und vor den Kopf stößt, wird sich der Exo- dus – leider, aber unvermeidlich – wieder verstärken. Es ist Aufgabe des Münchener Kardinals, dem vorzubeugen und die urkatholische Angst vor dem sogenannten Zeitgeist zu überwinden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert