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Kommentiert: Mathe? Setzen, sechs!

Ein Kommentar von Claudia Schweda

Der gestrige Vorschlag der NRW-SPD zum flexibleren G8 ist nicht neu.

Er entspricht dem, den die SPD unter dem Ministerpräsidenten Peer Steinbrück 2004 vorgelegt hat, der dann aber durch den Wechsel zur schwarz-gelben Koalition unter Jürgen Rüttgers nie zum Tragen kam.

Geklagt wird heute über das G8-Modell der alten Rüttgers-Regierung. Doch auch die SPD-Idee ist nicht besser. Denn jeder Schüler, der Abitur macht, muss eine Zahl erfüllen: Es ist die Zahl der 265 Jahreswochenstunden, die er bis zum Abitur absolviert haben muss – und die durch die Kultusministerkonferenz bundesweit festgelegt ist.

Diese 265 sind der G8-Pferdefuß. Sie sind das Ergebnis einer Multiplikation: Zahl der wöchentlichen Schulstunden x Zahl der Schuljahre. Es ist kompliziert. Eigentlich ein Fall für Mathematiker.

Es geht um die Logik einer Multiplikation: Wenn das Ergebnis das immer Gleiche sein muss (265), muss die eine Zahl (Wochenstunden) erhöht werden, wenn die andere Zahl (Schuljahre) reduziert wird. Das führt beim SPD-Modell zu einer Wochenstundenzahl von 38,5 Stunden für die, die die Oberstufe künftig in zwei Jahren machen; und das soll ja laut SPD die Mehrheit sein.

Die Mehrheit soll also nach einer 38,5-Stunden-Woche in der Schule zu Hause noch Hausaufgaben machen, Vokabeln lernen, Referate erarbeiten und sich auf Klausuren vorbereiten? Wer das ernsthaft fordert, sollte das Wort „Kindheit“ aus seinem Wortschatz streichen.

Die Rechnung, an deren Ende 265 Jahreswochenstunden stehen müssen, geht nur mit neun Schuljahren auf. Bei acht Schuljahren nach dem SPD-Modell geht sie nämlich so: In den sechs Schuljahren bis zur mittleren Reife müssen die Kinder 188 davon erledigen. Macht rein rechnerisch 31,3 Stunden pro Woche. Das ist mit Nachmittagsunterricht zu schaffen.

Diese 188 Jahreswochenstunden sind deswegen nötig, weil sonst ein unerfüllbarer Rest für die Oberstufe bleiben würde. Es ist wieder reine Mathematik: Je weniger Stunden die Unter- und Mittelstufe hat, desto mehr muss die Oberstufe leisten. Bei 188 müssen bis zur magischen Zahl 265 noch 77 Stunden in der gesamten Oberstufe erledigt werden. Wer das auf zwei Schuljahre verteilt, ist bei den 38,5 Schulstunden pro Woche.

Und wie geht man mit denen um, die die Oberstufe in drei Schuljahren machen? Wer glaubt, dass man ihnen die erforderlichen 77 Stunden auf geschmeidige 25,6 über drei Jahre verteilt, kennt das Kurssystem der Oberstufe nicht. Denn diese Schüler werden in die Leistungs- und Grundkurse der anderen eingetaktet. Das heißt für sie: unendlich viele Freistunden.

Wer ein funktionierendes G8 haben will, erreicht das nicht mit einem Herumdoktern am Unterrichtsstoff oder einer Flexi-Variante. Entlastung gäbe es erst, wenn die Zahl 265 gesenkt würde. Da das niemand vorhat, geht keine G8-Rechnung auf.

Deswegen wird auch die SPD mit ihrem Vorschlag die leidige Debatte um das verkürzte Abitur nicht beenden. Das Gefährliche ist, dass sie den Anschein erweckt, sie könne die Fehler des bisherigen G8 heilen und höre endlich auf die Klagen der Eltern. Die Mathematik beweist das Gegenteil. Die Enttäuschung wird groß sein.

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