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Kommentiert: Logischer Schritt

Ein Kommentar von Amien Idries

Die Rücktrittswelle nach dem Brexit lässt an die sprichwörtlichen Ratten denken, die das sinkende Schiff verlassen. Dennoch muss man den Rücktritt Nigel Farages vom Parteivorsitz der Ukip anders, ja milder beurteilen als den von Boris Johnson.

Wobei milder sich nicht auf die Person Farage bezieht. Denn an dessen populistischer Natur, die in einer destruktiven Politik mündete, kann es spätestens seit Montag keine Zweifel mehr geben. Ganz unbritisch griff er immer wieder tief in die Beleidigungs- und Ressentimentkiste, um seine politischen Ziele zu verfolgen. Dann war er maßgeblich daran beteiligt, die Brexit-Kampagne auf einer 350-Millionen-Pfund-pro-Woche-Lüge aufzubauen, was er nach dem Referendum auch einräumte.

Am Montag dann begründete er seinen Rücktritt damit, dass er nie Berufspolitiker war oder sein wollte. Das sagt wohlgemerkt ein Mann, der seit 1999 im EU-Parlament sitzt und mehrmals versucht hat, ins britische Unterhaus einzuziehen. Nicht auszuschließen, dass er dieses Projekt bei einer möglichen Neuwahl wieder verfolgt. Ein Berufspolitiker ist er nach Ukip-Diktion freilich nicht, die diesen Begriff als Schimpfwort versteht.

Ein solcher Berufspolitiker hätte nach einem angestrebten Brexit Volkes Stimme als Aufforderung empfunden, diese historische Herausforderung mitzugestalten. Sich sprichwörtlich in die Akten zu fressen, um bei Verlassen der EU das Bestmögliche herauszuholen. Das ist nicht das Ding von Farage. Er wollte sein Land zurück. Was nun daraus wird, interessiert ihn nicht.

Aber ganz ehrlich: Hätte man ein derart verantwortungsvolles Verhalten von Farage erwartet? Wohl eher nicht. Durch das Mehrheitswahlrecht in Großbritannien ist nur ein einziger Ukip-Abgeordneter im Unterhaus vertreten. Von einer Regierungsbeteiligung ganz zu schweigen. Farage war ein Parteivorsitzender ohne parlamentarische Macht, dem so nur die Macht der Straße blieb. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er den Austrittsprozess nicht an verantwortlicher Stelle mitgestalten können.

Anders sieht das bei Boris Johnson aus. Der ehemalige Bürgermeister Londons hätte Macht haben können, lehnte aber die damit verbundene Verantwortung ab. Teils wohl, weil die konservative Partei nicht vollends hinter ihm stand, aber sicherlich auch, weil er sich das Klein-Klein der Austrittsverhandlungen nicht zumuten wollte. Mit dem roten Bus durchs Land rollen, um die Stimmen der Unzufriedenen zu sammeln, ist das eine. Sich im Clinch mit der EU Schrammen holen und den Briten unangenehme Wahrheiten verkünden, das andere.

Wenn man also ein Beispiel für verantwortungslose Politik in ein Lehrbuch aufnehmen wollte, würde man bei Johnson eher fündig werden als bei Farage.

In einem dürften beide allerdings in Zukunft vereint sein. Gemeinsam werden sie am politischen Spielfeldrand stehen, kritisieren, reinbrüllen und, wenn es sein muss, auch mal die eine oder andere Grätsche auspacken. Darin macht ihnen keiner was vor.

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