Kommentiert: Lösung ist überfällig

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Kommentiert: Lösung ist überfällig

Ein Kommentar von Thorsten Karbach

Forschung braucht Zeit. Maßgeschneiderte Kraftstoffe aus Biomasse lassen sich nicht in drei Monaten entwickeln.

Integrative Produktionstechnik für Hochlohnländer kann kaum in ähnlich kurzer Zeit erforscht werden.

Und doch: Was außerhalb der Laborwände und Hochschulmauern in der Berufswelt undenkbar ist, gehört an den Universitäten in Deutschland zur Regel: Hier arbeiten Wissenschaftler mit Verträgen, die manchmal nur drei Monate Lohn und Brot sichern. Wer Glück hat, der hat einen Kontrakt für ein ganzes Jahr unterschrieben.

Das ist nicht neu. Doch die Betroffenen haben es allzu oft stillschweigend akzeptiert. Es gehörte irgendwie dazu, erfolgreiche Wissenschaftler kokettierten gar mit diesem Leben voller Entbehrungen im Sinne der hehren Forschung. Mangels Widerstand hat sich ein System aus Zeitverträgen und Fristen entwickelt, das so nie hätte toleriert werden dürfen. Die angestrebte Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist überfällig.

Neue Generation will mitreden

Wissenschaftler sind – selbst wenn dies furchtbar profan klingt – auch nur Menschen, die ein Leben außerhalb der Labore führen. Die heiraten wollen. Die Kinder wollen. Wer kann das schon meistern, wenn er noch nicht sicher sagen kann, ob er nach drei Monaten Aachen drei weitere Monate bleiben darf, oder dann eine neue Stelle in München oder Karlsruhe findet – für die nächsten drei Monate. Und es ist doch ein gesellschaftlicher Wunsch, dass auch promovierte Forscher Nachwuchs haben – und nicht bloß einen Doktortitel am Klingelschild.

Um ihnen diese Chance zu geben, reicht es eben nicht, an den Hochschulen Kindergartenplätze zu schaffen und Tagesmütter einzustellen. Es geht um Vertragsverhältnisse, die das Elternsein lebens- und damit erstrebenswert machen. Längere Fristen, Jahres-, besser noch Drei-Jahres- oder Fünf-Jahres-Verträge oder zumindest solche, die sich mit den Projektzeiten decken (etwa bei drittmittelfinanzierten Projekten), sind gut, alltagsverträgliche Wochenstundenzahlen ebenso wichtig. Auch hier braucht es unmissverständliche gesetzliche Vorgaben. In der übrigen Arbeitswelt ist so etwas doch selbstverständlich.

Das Thema ist dabei mehr als dringend. Wenn es um die Vorstellungen künftiger Spitzenkräfte geht, bricht auch der Mikrokosmos der Universitäten auf. Die neue Generation Arbeitnehmer, die ihren künftigen Unternehmen sehr offensiv erklären, wann sie wie arbeiten, dass sie im Sinne der Familie Homeofficezeit erwarten und am Wochenende ihre Mails nicht abrufen, erreicht auch die Hochschulen. Da wächst eine Generation nach, die bei den Spielregeln mitreden will.

Die Hochschulen konkurrieren um die besten Köpfe nicht mehr nur untereinander, sie konkurrieren auch mit Firmen, mit der Wirtschaft, wo Langzeit- oder sogar unbefristete Verträge angeboten werden. Wer Spitzenforschung auch in Zukunft mit den besten und ausreichend Kräften vorantreiben will, der muss entsprechende Arbeitsbedingungen schaffen. Die Hochschulen wissen das. Der Gesetzgeber packt das Thema an – und muss letztlich auch die Umsetzung sichern: als Geldgeber!

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