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Kommentiert: Leben in der DDR und der Mauerfall

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

MUT. Ein großes Wort. In jenen Tagen vor 25 Jahren hatten sogar manche Staatsmänner Mut, was eher selten passiert.

Mutig waren Michail Gorbatschow und der ungarische Ministerpräsident Miklós Németh, der die Grenze nach Österreich öffnete.

Mut bewiesen die DDR-Bürgerinnen und -bürger, die über Budapest, Prag und Warschau ihr Land verließen. Mutig waren die Menschen, die sich – kein Risiko scheuend – mit ihrer Staatsmacht auf der Straße anlegten. Am 9. Oktober 1989 schufen über 70.000 nicht einzuschüchternde Montagsdemonstranten in Leipzig die Grundlage für das bevorstehende Ende der DDR, für den Mauerfall einen Monat später.

Es war die Zeit, in der Bernhard Quandt, Mitglied des SED-Zentralkomitees, Demonstranten „standrechtlich“ erschießen lassen wollte, als sechs Persönlichkeiten mit ihrem Aufruf Schlimmeres verhinderten – die „Leipziger Sechs“ mit Gewandhaus­kapellmeister Kurt Masur, Theologe Peter Zimmermann, Kabarettist Bernd-Lutz Lange und den Sekretären der SED-Bezirksleitung Leipzig Kurt Meyer, Jochen Pommert und Roland Wötzel. Namen von Mutigen.

Auferstanden aus Ruinen. Die DDR hatte dazu keine Chance. Alle Hoffnungen, nach der Nazi-Diktatur eine gerechte Gesellschaftsordnung aufbauen zu können, wurden vom Sowjetdiktat auf den Müllhaufen der DDR-Geschichte geworfen. Die Deutschen, erst recht die in der Ostzone, konnten damals nicht entscheiden, wie sich ihr Leben nach 1945 entwickeln sollte. Schnell war den Menschen im Osten klar, dass nicht nur ihre Industrie demontiert wurde, sondern auch alle demokratischen Versuche. Für aufrechte Menschen war es fortan schwierig, in der DDR zu leben.

Unmut über den strammen FDJ-Drill, die Sozialistische Einheitspartei, die Nationale Front, die falschen Fünfjahrespläne, die Rücksichtslosigkeit, den Stalin-, Ulbricht- und Honecker-Kult, die Stasi-Willkür. Das war der flüsternde oder schweigende DDR-Alltag. Wann wird Unmut zu Mut? Viele DDR-Bürgerinnen und -bürger haben diese Frage am 17. Juni 1953 und im Herbst 1989 eindrucksvoll beantwortet.

Erbaut auf Ruinen. Ein Wirtschaftssystem, das nichts taugte, eine noch verheerendere Umweltpolitik als im Westen, kein offener Dialog, manipulierte Wahlen, dann, Höhepunkt der Hilflosigkeit, der Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“, die Antwort auf die „Republikflucht“, nachdem vier Millionen aus dem Bauern- und Arbeiterparadies abgehauen waren. Da gab es nichts Erbauendes, nur das Einstürzen von Illusionen, Lebensentwürfen, Individualität.

Republikflucht als Ausweg: Ohne Reisefreiheit war das ein lebensgefährliches Risiko in dem Land der Denunzianten und der Stasi, des Schießbefehls und der Selbstschussanlagen. Wer es dennoch schaffte, dem gelang die Flucht aus einem Unrechtsstaat. Muss man über diesen Begriff noch diskutieren?

Feind des Staates: So etikettierten die Funktionäre und Mitläufer Andersdenkende. Abhören, kontrollieren, verfolgen, drohen, einschüchtern, einsperren, degradieren, ausbürgern. Das machte das „Flair“ dieses Angst-Gebildes namens DDR aus. „Ich möchte sie nicht mehr wiederhaben“ – das sagt trotz Treuhand, kapitalistischer Auswüchse und vieler Dinge, die vorsätzlich, fahrlässig und unbeabsichtigt nach der Wende völlig schiefgelaufen sind, heute die große Mehrheit der ehemaligen DDR-Bevölkerung. Es ist gut, dass es diesen Staat nicht mehr gibt.

Andersdenkende werden noch immer ausgegrenzt. Die Linke kritisierte Bundestagspräsident Norbert Lammert, weil er ohne sie zu fragen Wolf Biermann zum Festakt eingeladen hatte. Biermann ist kein Freund der SED-Nachfolgepartei. Er ist der Sänger, der 1976 innerhalb weniger Stunden ausgebürgert wurde, weil er bei einem Konzert in Köln das DDR-Regime angegriffen hatte. Er benahm sich im Bundestag nicht feierlich-brav, okay. Aber: Die Maulkorb-Helden der Linken haben trotzdem nicht viel kapiert.

Lebenslügen bekommen in manchen Rückblicken wieder nostalgische Bedeutung. So schlecht war es ja nicht, und keiner war arbeitslos. Man mag das angesichts des hohen Preises der Unfreiheit in dem zuschlagenden Staat nicht mehr hören.

Landschaften hoher Blüte sind versprochen worden, manche blühen (etwa grandiose Innenstädte wie in Leipzig und Dresden), manche welken (überflüssige Regionalflughäfen, Kanäle, Straßen). Das Nicht-Blühende ist deutscher Alltag in vielen Regionen, etwa im Ruhrgebiet. Infrastrukturprobleme sind längst gesamtdeutsch. Das ist ein Zeichen der Normalität nach 25 Jahren.

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