Kommentiert: Kontrollierte Kinder

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Kommentiert: Kontrollierte Kinder

Ein Kommentar von Christoph Velten

Die Sehnsucht nach Kon­trolle ist in gewisser Weise verständlich. Die Welt scheint ja immer größer zu werden, unüberschaubarer, aus den Fugen geraten, irgendwie.

 Ein Gefühl, mehr nicht. Empirisch nicht nachweisbar. Die Welt ist schließlich die, die sie immer war. Die Kriminalitätsstatistiken belegen nicht, dass unser Leben gefährlicher geworden ist, dass etwa Kinder heute gefährdeter sind als in früheren Jahren. Und doch bleibt da dieses Gefühl. Und mit Gefühlen ist es ja so eine Sache.

Warum sollte man also nicht diese tollen neuen technischen Möglichkeiten nutzen, die einem anbieten, das vermeintliche Chaos ein wenig unter Kontrolle zu bringen? Eltern zum Beispiel können mittels einer App fürs Handy jederzeit wissen, wo ihr Kind ist. Sie können sehen, was sie im Internet so treiben, mit wem sie in Kontakt stehen, für was sie sich interessieren. Anbieter solcher Technik werben dafür ganz unverblümt: „Der einfachste Weg, ihre Kinder online zu kontrollieren.“ Im Angebot: die Überwachung sozialer Netzwerke, das Sperren unerwünschter Kontakte. Und das ganze „dank des Unsichtbarkeits-Modus“, ohne dass es die Kinder mitbekommen. Willkommen bei „Big Brother“!

Wollen wir das wirklich? Eine Welt, in der die Überwachung wichtiger wird als die Freiheit? In der die Grundrechte des Einzelnen – und sei er auch noch so jung – einfach ausgehebelt werden? Die Antwort kann nur „Nein“ lauten.

Auch wenn die Motive noch so edel erscheinen mögen, die Sorgen individuell sind und sich deshalb nicht generell absprechen lassen. Eltern müssen lernen loszulassen. Abhören unter Freunden – das geht gar nicht. Was für die Geheimdienste gelten sollte, muss für die Familie erst recht gelten. Eine gute Erziehung basiert auf Vertrauen, nicht auf Misstrauen und Angst. Kinder müssen Fehler machen dürfen, Verbotenes tun, Risiken eingehen – und Geheimnisse haben.

Wer versucht, die Welt zu kontrollieren, der hebt sie aus den Angeln – nur so ein Gefühl. Aber mit den Gefühlen ist es ja so eine Sache.

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