Kommentiert: Kein Vertrauen

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Kommentiert: Kein Vertrauen

Ein Kommentar von Hermann-Josef Delonge

Die Frage unserer Zeitung, ob denn Lehren aus der ganzen Angelegenheit zu ziehen seien, und wenn ja welche, ließ das Aachener Klinikum am Montag unbeantwortet. Sie ist auch nicht leicht zu beantworten.

Denn formal mag das Klinikum, mag das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, nichts falsch gemacht hat, als es den Forschungsauftrag und die Drittmittelförderung durch die Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor angenommen hat. Den gesetzlichen Vorgaben und der Überprüfung durch die Ethikkommission des Klinikums ist Genüge getan worden.

Und trotzdem: Die Verantwortlichen im Klinikum – eigentlich in allen universitären Einrichtungen – sollten darüber nachdenken, ob es richtig ist, sich ihre Forschung von einem pseudowissenschaftlichen Verein bezahlen zu lassen, dessen vordringlicher Zweck die Lobbyarbeit, also die Einflussnahme, für große Automobilkonzerne ist.

Aber das ist nur ein Aspekt dieser „Affäre“, die durch eine wenig sensible Wortwahl einen Zungenschlag bekommen hat, der vom eigentlichen Thema fast ablenkt. Nur kurz zur Klarstellung: „Menschenversuche“ hat es in Deutschland zu ganz anderen, nämlich dunkelsten Zeiten gegeben. Garantiert aber nicht 2013 am Aachener Klinikum.

Das Problem ist ein ganz anderes. Es hat mit Vertrauen zu tun, genauer: mit dem nicht mehr vorhandenem Vertrauen in die deutsche Automobilindustrie. Der traut man, wie sich jetzt wieder zeigt, offensichtlich alles zu. Zu Recht? Offenbar. Denn die Versuchsreihen mit Affen in den USA, die nur dem Zweck dienten, eine Marketingkampagne für einen angeblich sauberen Diesel zu unterfüttern, sind einfach nur abscheulich und zynisch. Sie zeugen von einer Denkweise, die nichts mit Verantwortung oder Moral zu tun hat, aber ganz viel mit Überheblichkeit und Realitätsverlust.

Empörung der Politik ist billig

Transparenz? Bereitschaft, die Karten auf den Tisch zu legen und für Verfehlungen einzustehen? Fehlanzeige. Stattdessen zeigen die Herren in den Vorstandsetagen der Automobilkonzerne mit dem Finger auf andere und opfern einen Mitarbeiter aus dem Mittelbau. Und da die Politik dieses Verhalten jahrelang unterstützt hat, da sie die Autoindustrie gebauchpinselt hat und sich zu deren Interessenvertretung degradieren ließ, kann man ihre Empörung über die Tierversuche nur billig nennen.

So jedenfalls wird die Automobilindustrie das Vertrauen der Bürger, letztlich ihrer Kunden, nicht zurückgewinnen. Angesichts der Zukunftsaufgaben, vor der die ganze Branche steht, ist das kein gutes Zeichen.

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