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Kommentiert: Kein Dammbruch

Ein Kommentar von Christina Handschuhmacher

Der Bundestag hat am Freitag beschlossen, die Forschung an Demenzkranken in engen Grenzen zu erlauben. Die bloße Nachricht löst bei vielen Menschen Schreckensszenarien aus: Medikamentenstudien an hilflos ausgelieferten Senioren, die unfähig sind, sich zu wehren, und unfähig zu begreifen, was mit ihnen passiert.

Kritiker der Gesetzesnovelle befürchten gar einen Dammbruch, der den Weg frei macht für weitere Entscheidungen dieser Art.

Ohne Zweifel: Medikamentenstudien an nicht einwilligungsfähigen Patienten sind ein sensibles Thema. Es ist wichtig, dass derartige Entscheidungen – gerade mit Blick auf die Geschichte Deutschlands – ausführlich und kontrovers besprochen werden. Der Bundestag hat die Neuregelung nicht übers Knie gebrochen, sondern das Thema immer und immer wieder diskutiert. Das ist das Verdienst der Kritiker aus den verschiedenen Parteien und Verbänden sowie der Kirche.

Aber letztlich hat der Bundestag richtig entschieden. Es gibt Gründe dafür, die Arzneimittelforschung zu Demenz an Erkrankten in engen, gesetzlich klar geregelten Grenzen zu erlauben, auch wenn sie selbst davon nicht mehr profitieren. In Deutschland leben derzeit nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums 1,6 Millionen Demenzkranke. Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl aufgrund der massiv alternden Gesellschaft bis 2050 verdoppeln wird. Bislang gibt es nur Mittel, die den Verlauf der Krankheit verlangsamen. Medikamente, um Demenz zu heilen, gibt es nicht. Arzneimitteltests an Menschen sind zwingend notwendig, um diese tückische Krankheit irgendwann einmal in den Griff bekommen zu können.

Es gibt viele Erkrankte, die ihren Körper zu Forschungszwecken zur Verfügung stellen – etwa nach dem Tod als Körperspender oder noch zu Lebzeiten zu Medikamentenstudien. Auch Menschen im Anfangsstadium einer Demenz können dazu zählen. Hinzu kommt: Die Neuregelung ist weiterhin eng an Bedingungen geknüpft. Betroffene müssen sich zuvor von einem Arzt beraten lassen und dann im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ihre schriftliche Zustimmung geben – mit dem Wissen, dass die Forschung ihnen selbst wohl nicht, sondern allenfalls künftigen Generationen hilft. Die Erklärung kann jederzeit widerrufen werden und auch der gesetzliche Betreuer kann die Studien später noch verhindern.

Demenzkranke bedürfen eines besonderen Schutzes, sie dürfen nicht zu bloßen Forschungsobjekten degradiert werden. Aber das neue Gesetz ist nicht der Dammbruch, den Kritiker befürchten.

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