Kommentiert: Kalkuliertes Problem

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Kommentiert: Kalkuliertes Problem

Ein Kommentar von Amien Idries

Ups, das wird wohl etwas teurer als geplant. Sorry!“ Einen solchen Satz haben wir wahrscheinlich alle schon mal gehört. Man ärgert sich, bezahlt aber in der Regel, wenn die Kostensteigerung überschaubar ist. Jetzt stellen Sie sich aber mal vor, Sie würden einen Handwerker beauftragen. Sagen wir für ein neues Dach. Kostenvoranschlag: 20.000 Euro. Zimmermann und Dachdecker rücken an, brauchen länger als geplant und präsentieren am Ende eine Rechnung über 60.000 Euro. Sorry!

Das in etwa passiert derzeit bei Stuttgart 21, und nicht nur da. Beim Hauptstadtflughafen ist ein Ende noch nicht in Sicht. Die Elbphilharmonie in Hamburg wurde um ein Vielfaches teurer als geplant.

Die S21-Kostensteigerung von 2,5 Milliarden (1998) auf 7,6 Milliarden Euro ist also bei Großprojekten kein Ausnahmefall. Glaubt man einer Studie aus dem Jahr 2015 ist ein derartiger Verlauf sogar die Regel. Wissenschaftler untersuchten mehr als 2000 Großprojekte aus 106 Ländern. Das Ergebnis: Weniger als 25 Prozent sind nach Plan verlaufen, weil „die Kosten systematisch unterschätzt, der wirtschaftliche Nutzen dagegen überschätzt wird“, heißt es.

Dass die Kosten explodieren hat mit der langen Zeitschiene und der Größe solcher Projekte zu tun, die natürlich nicht mit einem neuen Dach für ein Privathaus verglichen werden können. Rohstoffpreise ziehen an, unvorhergesehene Schwierigkeiten verzögern die Bauzeit, politische Entscheidungen können Kosten erhöhen. Keine Frage, bei Projekten mit langer Laufzeit kann viel passieren.

Das erklärt die Malaise aber nur in Teilen. Die Studie, die sowohl öffentlich als auch privat finanzierte Projekte untersuchte, kommt zu dem Ergebnis, dass Planer und Auftraggeber unter chronischem Optimismus leiden. Drohende Probleme würden unterschätzt oder es werde darauf vertraut, dass sich im Laufe des Projekts schon Lösungen finden.

Bei öffentlichen Projekten kommen noch andere Faktoren hinzu. Etwa politische Entscheidungsträger, in deren Interesse zunächst niedrig kalkulierte Kosten sind, weil sie die Zustimmung zu Großprojekten erhöhen. Wenn dann die Kosten explodieren, steht Politiker XY oft gar nicht mehr zur Wahl, hat sich aber als Projekt-Initiator seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Hinzu kommen Baufirmen, die meist die Profiteure von immer weiter steigenden Kosten sind.

Alle bewundern Elbphilharmonie

Und nicht zuletzt der Wähler, auf dessen Vergesslichkeit spekuliert wird. So schön die beeindruckende Elbphilharmonie letztlich geworden ist, ändert das nichts daran, dass die ursprünglich veranschlagten Kosten deutlich überschritten wurden. Diesen Bürgernepp vergisst der Wähler aber vor lauter „Aaahs“ und „Ooohs“, die er beim Betreten der „Elphi“ ausstößt.

Wie aber strukturell damit umgehen? Wie wäre es mit Kalkulationen, bei denen Auftraggeber und Planer dazu gesetzlich verpflichtet werden, das schlechteste Szenario mitzukalkulieren?

Oder man orientiert sich am eingangs zitierten etwas hinkenden Vergleich mit dem Kostenvoranschlag. Der Hausbesitzer hat hier laut BGB bei einer „wesentlichen Überschreitung” eines Kostenvoranschlags das Recht, den Vertrag außerordentlich zu kündigen. Und ab wann wird laut Rechtsprechung ein Kostenvoranschlag „wesentlich überschritten”? Ungefähr ab 20 Prozent. Bei Stuttgart 21 liegen wir derzeit bei einer Überschreitung von 200 Prozent.

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