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Kommentiert: Jetzt erst recht, Europa!

Ein Kommentar von Thomas Thelen

Der Schmerz über den Brexit muss Ansporn sein. Nun ist der Brexit da. Die Mehrheit der Briten will nicht mehr zur EU gehören.

Da ist es wenig tröstlich, dass diese Mehrheit am Ende nur hauchdünn ausfiel, was ja bedeutet, dass fast ebenso viele Briten lieber in der EU geblieben wären.

Mit sehr viel Eile hatte Regierungschef David Cameron im Februar den Termin für das Referendum festgelegt. In den wenigen Monaten des Wahlkampfs, die blieben, hat er die Mehrheit seiner Landsleute nicht von der Idee eines Verbleibs in der EU überzeugen können. Es hat den Anschein, als hätten die Menschen dem Europa-Skeptiker Cameron, der Jahre lang gegen die EU gewettert hatte, den plötzlichen Sinneswandel nicht mehr abgenommen.

Insofern ging es bei dieser Wahl auch um politische Glaubwürdigkeit. Wofür stand Cameron eigentlich? Offensichtlich stand er nicht überzeugend genug für eine europäische Idee. Jedenfalls hat die Wahl bewiesen, dass ein Bedenkenträger nicht mal eben ins Gewand des Hoffnungsträgers schlüpfen kann.

Keine Begeisterung für Europa

Hinzu kommt, dass sich das Cameron-Lager auf einen Negativwahlkampf festlegte, der sich Einmischungen aus Brüssel ausdrücklich verbat und weniger die Idee eines starken Europas in den Vordergrund stellte, sondern mit den negativen Folgen eines möglichen Austritts der Briten aus der EU spielte. Wer Cameron in den vergangenen Wochen reden hörte, konnte den Eindruck gewinnen, dass er selbst nur noch für das geringere von zwei Übeln warb. So entfacht man keine Begeisterung für Europa.

Ein bisschen fühlt man sich an den aktuellen Präsidentschaftswahlkampf in den USA erinnert: Vielen Amerikaner graust es vor dem Gedanken, dass Donald Trump demnächst in das Weiße Haus einzieht, doch der Gedanke, dass es Hillary Clinton sein könnte, löst auch nicht gerade Jubelstürme aus. Von jener Euphorie, die der Hoffnungsträger Barack Obama vor seiner ersten Amtszeit ausstrahlte, ist in den USA nichts mehr zu spüren. Um Europa steht es aber noch schlechter. Wo ist der europäische Spirit geblieben?

Man kann es nicht länger leugnen: Viele Menschen haben den Bezug zu Europa verloren. Sie fühlen sich in ihrem unmittelbaren Umfeld zu Hause, in ihren Städten und Regionen. Brüssel ist für die meisten sehr weit entfernt; den europäischen Geist, kennen sie gar nicht.

Nicht das Ende der Welt

Nun besteht die Gefahr, dass dem britischen Beispiel andere folgen werden. Die gestrige Entscheidung ist Wasser auf die Mühlen der Europaskeptiker in den Niederlanden und in Frankreich. Der Brexit bedeutet aber nicht das Ende der Welt. Er ist ein reinigendes Gewitter, das auch Chancen bietet zu neuem europäischen Zusammenhalt.

Und die Briten? Wen interessieren noch die Briten? Uns natürlich! Es muss jetzt darum gehen, den Ausstieg in vernünftiger Art und Weise zu regeln. Ein Konfrontationskurs bringt gar nichts. Aber klar ist auch: Die Briten haben sich entschieden. Ein Zurück gibt es nicht. Die EU muss jetzt konsequent bleiben, sonst degradiert sie sich zur Lachnummer, die dann niemand mehr Ernst nimmt.

Der Vergleich mag provozieren – gleichwohl: Die Bilder von Menschen, die sich am Freitag geradezu euphorisch freuten über das Ende Großbritanniens in der EU, waren für jeden überzeugten Europäer ein Stich ins Herz. Sie taten weh. Aber wenigstens tut es uns weh. Wir sind also noch nicht ganz gefühllos für Europa geworden. Statt die Schmerzen zu ertragen oder zu betäuben, sollten sie uns anstacheln, das vereinte Europa wieder zu einem Projekt zu machen, das die Menschen jubeln lässt. Das wäre die richtige Antwort auf den 23. Juni.

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