Kommentiert: Immer mit der Ruhe

Von: Amien Idries
Letzte Aktualisierung:
14961468.jpg

Erinnern Sie sich noch an Begriffe wie Demografie-Falle oder demografischer Wandel? Das waren vor ein paar Jahren Schlagwörter, ohne die kaum eine Prognose zur Entwicklung dieses Landes auskam.

Bevölkerungswissenschaftler sagten eine Überalterung der Gesellschaft voraus, eine schrumpfende Bevölkerungszahl und zahlreiche daraus resultierende Probleme.

Spätestens seit der starken Zuwanderung von Flüchtlingen und steigenden Geburtenzahlen hört man diese Begriffe deutlich seltener. Stattdessen nun die Studie der Bertelsmann-Stiftung, die eine Steigerung von Schülerzahlen prognostiziert, während ältere Zahlen ein Absinken vorhergesagt haben.

Prognose: 130 Millionen in London

Was heißt das? Vielleicht in erster Linie, dass man Prognosen mit einer gewissen Vorsicht begegnen sollte. Das liegt nicht daran, dass man es mit besonders unfähigen Wissenschaftlern zu tun hätte, als vielmehr am grundsätzlichen Problem von Prognosen. Die nämlich berechnen Aussagen über die Zukunft auf der Basis von heutigen Daten. Vor allem die Bevölkerungsentwicklung aber ist von derart vielen Variablen bestimmt, dass die Geschichte voll von Vorhersagen ist, die fürchterlich daneben lagen. Mitte des 19. Jahrhunderts etwa sagten Demografen voraus, dass in London im Jahr 2010 mehr als 130 Millionen Menschen leben würden. „Knapp“ daneben, kann man heute sagen.

Zugegeben, das ist eine extremes Beispiel, aber selbst bei kurzfristigeren Prognosen, gilt es, die methodischen Feinheiten zu bedenken. Welche Zahlen verwendet man? Welche Projektion der Entwicklung von Migration und Geburten legt man zugrunde? Wissenschaftliche Entscheidungen, die Ergebnisse von Bevölkerungsprognosen maßgeblich beeinflussen.

Alles Quatsch also mit den Prognosen? Mitnichten. Sie sind wichtig, um politische Entscheidungen zu treffen. Wie viele Lehrer benötigen wir in zwanzig Jahren? Lohnt es sich, Schulen zu schließen? Das alles muss allerdings unter einem gewissen Vorbehalt stehen, weil alles eben auch anders kommen kann, als in den Prognosen behauptet. Deshalb ist es auch kontraproduktiv, wenn Studienmacher öffentlichkeitswirksam mit konkreten Lehrerzahlen operieren, die im Jahre x benötigt werden. Das suggeriert eine Unausweichlichkeit, die derartige Prognosen aus besagten Gründen nicht haben können.

Trotz dieser Einschränkungen legt die Studie den Finger in die richtige Wunde. Denn an Lehrern mangelt es bereits heute. Die Inklusionsbestrebungen und die in NRW angekündigte Rückabwicklung von G8 werden ihr übriges tun. Es wäre also durchaus sinnvoll, sich um mehr neue Lehrer zu bemühen. Ob es dann am Ende die für 2030 prognostizierten 43 000 zusätzlichen werden müssen, lässt sich seriöserweise heute nicht beantworten.

a.idries@zeitungsverlag-aachen.de

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert