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Kommentiert: Heiner Geißler mit dem Gleitschirm

Ein Kommentar von Peter Pappert

Heiner Geißler war ein passionierter Gleitschirmflieger. Das war ein Sport, der zu ihm passte: frei im Wind, nicht auf vorgezeichneten Linien, ohne schützendes Beiwerk, unabhängig, an der frischen Luft, in der Höhe den Überblick behalten und dem Horizont entgegen.

Ohne Risiko ist dieser Sport nicht; 1992 überlebte Geißler einen Absturz schwer verletzt. So verstand er auch Politik, so machte er Politik: unabhängig und frei bleiben, Risiken nicht scheuen, Abstürze überleben.

Er war einer jener unverwechselbaren, kantigen Typen, die seiner Partei – und der Politik insgesamt – heute weitgehend fehlen. Wenn er für die CDU sprach, konnte sie sich selbstbewusst als christliche Partei fühlen. Er vermochte es, seine Orientierung am Glauben und an der Botschaft Jesu verständlich zu machen und auf konkrete politische Herausforderungen zu beziehen – und zwar so, dass es verständlich war. Wer kann das heute noch!? In mehreren Büchern hat er gezeigt, dass es sich lohnt, auch als Exeget moralische Grundlagen für Politik zu formulieren. „Wer sich im Leben an Jesus orientiert, liegt absolut richtig“, hat Geißler erst vor kurzem gesagt und ein ethisches Fundament die Grundvoraussetzung für Demokratie genannt.

Er wollte und konnte die biblische Nächstenliebe politisch umsetzen, weshalb er Merkels – in der eigenen Partei umstrittene – Flüchtlingspolitik verteidigte. Mit Papst Johannes Paul II., dessen innerkirchlichen Rigorismus er vehement ablehnte, stimmte Geißler überein in der scharfen Kritik an den Fehlentwicklungen des globalen Kapitalismus‘. Erst recht Franziskus fühlte er sich im Kampf gegen die rücksichtslose Herrschaft der Finanzmärkte verbunden.

Er legte sich voller gläubiger Überzeugung mit seiner Kirche an und rechnete mit deren Dogmatismus und mit deren Starrsinn in der Sexualmoral ab – nur keine Schonung. Er kämpfte mit seiner Kirche. Er rang mit dem Glauben an Gott, den er so brillant und zeitgemäß zu interpretieren wusste.

Mitglied der CDU und des globalisierungskritischen Netzwerks Attac zu sein, empfand er nicht als Gegensatz; darin sah er kein Problem, es passte für ihn durchaus zusammen. Das schafft nur, wer zu großer gedanklicher Freiheit fähig ist. Immer hat er seiner Partei die Leviten gelesen. Geißler hat die CDU modernisiert wie wenige andere. Als CDU-Generalsekretär trieb er mit seinen Reden in geschliffener Polemik die Sozialdemokraten zur Weißglut: „Ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen.“ Er überzog häufig, er verleumdete.

Ihm lag am demokratischen Streit – deutlich und scharf. Wenn der linksliberale Geißler Jahrzehnte später auf diese Zeit angesprochen wurde, antwortete er mit verschmitzter Souveränität, es sei in den 80er Jahren eben seine Aufgabe gewesen. So polemisch die Auseinandersetzung damals auch war, sie spielte sich – zumal mit seinem SPD-Gegenpart Peter Glotz – intellektuell auf einem Niveau ab, das heutige Generalsekretäre nicht mehr erreichen.

Geißler hat schon in den 90er Jahren für die multikulturelle Gesellschaft plädiert, und er hat bis zuletzt an die Muslime auch hierzulande appelliert, sich mit den Schattenseiten ihrer Religion auseinanderzusetzen. Er war überzeugt, dass der Aufklärungsprozess, den die christlichen Kirchen hinter sich haben, dem Islam nach wie vor fehlt. Kritisieren, was zu kritisieren ist – und zwar klipp und klar und nach allen Seiten. So war er.

Er schonte sich selbst nicht. Bis in den frühen Sommer hinein war er unentwegt unterwegs zu Vorträgen, Diskussionen und Lesungen – bis zuletzt ungeduldig, oft unnachsichtig. Er nahm keine Rücksicht. Er sagte seine Meinung. Das war sein Leben, zumal er mit dem Gleitschirm schon lange nicht mehr fliegen durfte.

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