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Kommentiert: Hau es raus!

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Es wird skandiert in diesem Land. Nicht nur montags, nicht nur in Dresden. Es wird behauptet in diesem Land. Unwahres von Leuten, die andere dreist Lügner nennen.

Oder Lügenpresse. Oder Mainstream. Oder Etablierte. Oder Establishment. Es wird verdreht in diesem Land. Nicht nur von Populisten. Sondern von Übereifrigen jeder Couleur.

Es wird manipuliert in diesem Land. Vor allem in den sogenannten Sozialen Medien, die asozial beeinflusst und gesteuert werden: mit vorgestanzten Antworten wie im Trump-Wahlkampf, in 127 000 Versionen, teilweise sich – absichtlich – widersprechend. Gepostet, verbreitet: für jeden etwas dabei, der genug hat vom üblichen Politkram und Worthülsen-Brei der Funktionäre. Und die deshalb mühelos mit starken Parolen zu beeindrucken sind. Die wollen einen Auf- und Abräumer, und dabei bleiben zuweilen Wahrheiten auf der Strecke der Emotionen. Hau‘ es raus, egal, ob es wahr ist! Es wird dir nützen: bei der Mobilisierung der Unzufriedenen.

Dinge zu prüfen, zu recherchieren, nachzudenken, ehe man plakativ Verbalinjurien in die aufgehetzte Atmosphäre entlässt, kritisch zu sein und das auch gegen den Strom, das ist zu einer gefährlichen Haltung geworden. Wenn Beschimpfungen wie Dogmen wirken, die durch nichts zu erschüttern sind, erst recht nicht durch Fakten, dann befindet man sich mittendrin in der postfaktischen Gesellschaft. Dann ist die Entscheidung der Gesellschaft für deutsche Sprache richtig, den Begriff „postfaktisch“ zum „Wort des Jahres“ 2016 zu küren. Eine gute Wahl – und eine traurige zugleich; denn sie beschreibt den Kern momentaner Streit(un)kultur.

Staatliches Lügensystem

Gelogen haben Menschen schon immer. Mit Propaganda wurden und werden Kriege angezettelt, gewonnen und verloren. Dass mit Russland angeblich (so der deutsche Verfassungsschutz) ein Staat ein Lügensystem minuziös geplant im sozialen Netz (Hackerangriffe inklusive) etabliert habe, überrascht uns nicht wirklich, oder? Cyberattacken sind eine Möglichkeit, Politiker und Parteien zu verleumden. Der von den Russen erfundene „Fall Lisa“ war ein Vorgeschmack auf das, was kommen kann in der Kategorie Verschwörungstheorie.

Gezielte Fehlinformation: Das ist das Gift der Propaganda. Der Begriff „Brexit“ landet auf Platz zwei und bestätigt eindrucksvoll das Postfaktische an der Spitze: Dem britischen Referendum ging eine bemerkenswerte Zahl an gezielten Fehlinformationen mit falschen Zahlen und völlig absurden Szenarien voraus.

Ist, wer sich nicht mehr informiert, selbst schuld? Ja! Nie war es angesichts der Fülle an Informationen, Quellen und Vergleichsmöglichkeiten so einfach, Dinge zu prüfen und sich eine seriöse Basis für eine Entscheidung zu schaffen. Man muss sich allerdings auf Fakten einlassen.

Wer die Kanzlerin nicht versteht

Davon ist ein beachtlicher Teil der nicht zimperlichen Wutpolitiker und ihrer Anhänger weit entfernt. Was das für die Wahlkämpfe 2017 bei uns in Nordrhein-Westfalen und im Bund bedeutet, kann man ahnen und befürchten, wenn die neue digitalen Möglichkeiten sich immer forschere Wege ebnen.

Angela Merkel kokettiert mit der postfaktischen Gesellschaft, weil sie diese für eine Erklärung allzu schroffer Reaktionen auf ihre teilweise ungeordnete Flüchtlingspolitik hält. Wer die Kanzlerin nicht versteht, ist eben ein postfaktisches Opfer. So einfach kann man sich das zurechtkramen.

Und die Medien? Nichts ersetzt, gerade in postfaktischen Zeiten, gute Recherche. Die Mehrheit nimmt Fakten zur Kenntnis. Und wenn ein Fehler passiert ist, dann korrigiere ihn!

Auf jeden Fall gilt: Zeige dem Populismus die Stirn! Faktisch. Ein Beispiel: In Aachen leben die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Wir wissen, dass sie nicht mehr (eher weniger) Straftaten begehen als die deutsche Bevölkerung. Wir wissen, dass es eine Minderheit gibt, die das leugnet, gerade nach Freiburg. Dagegen helfen nur Fakten und Zahlen. Wohl wissend: Niemanden kann man zum Fakten-Glück zwingen. Leider.

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