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Kommentiert: Gut, dass wir reden!

Ein Kommentar von Amien Idries

In diesen Zeiten führt jede Bewegung zu einer Gegenbewegung. Die Debatte um sexuelle Belästigung erfasst nicht mehr nur die USA und nicht mehr nur die Filmbranche, sondern erwächst zu einer gesamtgesellschaftlichen Kritik an männlichem Dominanzverhalten, das sich offenbar nicht selten in sexueller Belästigung manifestiert.

Täglich neue Vorwürfe, Rücktritte und Suspendierungen führen bei manchen Menschen aber offenbar dazu, dass sie des Themas überdrüssig werden. „Jetzt muss aber mal gut sein“, heißt es dann. Gerne auch: „Haben wir keine anderen Probleme?“ Schließlich das Totschlagargument von der berühmten Sau, die wieder einmal durch das ebenso berühmte mediale Dorf getrieben wird. Das Ganze gipfelt dann in dem Vorwurf, die Debatte sei hysterisch (in diesem Zusammenhang ein delikater Begriff), und der Warnung vor einer männerfeindlichen Gesellschaft.

Wie bei so vielen Themen ist auch hier die Emotion der Feind der Differenzierung.

Kein Generalverdacht

Ja, es hat sich viel verbessert in Fragen der Gleichberechtigung; das leugnet niemand. Es ändert aber nichts daran, dass es viele Frauen gibt, die Opfer sexueller Belästigung werden. Das sollte man zunächst mal zur Kenntnis nehmen und respektieren. Einer vergewaltigten Frau hilft es nichts, dass man auf das Wahlrecht für Frauen verweist.

Ja, es werden auch Vorfälle genannt, bei denen man sich die Frage stellt, ob überhaupt der Tatbestand des Sexismus erfüllt ist. Aber erstens steht diesen Berichten die viel größere Zahl derer gegenüber, bei denen jedem sofort klar ist, dass es mindestens um sexuelle Belästigung geht. Und zweitens sollte man derartige Erlebnisse immer vom Standpunkt des Opfers her betrachten. Wer noch nie Diskriminierung oder Sexismus erfahren hat, sollte schlicht dankbar sein und sich nicht zum Richter darüber aufschwingen, was denn nun Sexismus ist und was nicht.

Ja, derartige Übergriffe sind in erster Linie ein männliches Problem. Das zeigt schon die Empirie. Das darf aber nicht zu einem Generalverdacht gegen Männer führen. Es mag sein, dass Männer mehr dazu neigen, Macht derart zu missbrauchen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass irgendwelche archaischen Urtriebe in uns Typen schlummern. Das aber als Argument für ein grundsätzliches Problem der Männer heranzuführen, oder es gar als Entschuldigung für schlicht widerliches Verhalten zu benutzen, missachtet die Zivilisationsgeschichte.

Empathie und Anstand

Nein, ein solches Verhalten resultiert aus einem deformierten Männer- und Frauenbild, gepaart mit Machtungleichgewicht und dem Mangel an Empathie. Das gibt es natürlich nicht nur in Chefetagen, sondern immer auch dort, wo einem Jungen bereits im Kindesalter vermittelt wird, dass die Schwester oder die Mutter einen geringeren Wert hat. Wer nicht bereit ist, über Frauenfeindlichkeit in der Musik, im Islam oder in patriarchalen Gesellschaften zu reden, sollte zu Weinstein & Co. schweigen.

Und zu guter Letzt: Ja, die Debatte hat die gesellschaftliche Stimmung verändert. Die Verunsicherung von Männern, die nicht mehr wissen, wie sie sich verhalten sollen, ist aber doch ein relativ geringer gesellschaftlicher Preis dafür, dass Frauen endlich in der Lage sind, offen über Missstände zu sprechen.

Und übrigens: Wer verunsichert ist, könnte sich hieran orientieren: Bei sexueller Belästigung oder gar Vergewaltigung zieht das Strafrecht klare Linien. In allen anderen Fällen dürften die meisten Männer schon ein Gespür dafür haben, was in Ordnung ist und was nicht. Es helfen Empathie und Anstand.

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