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Kommentiert: Geschichtsfälschung

Ein Kommentar von Amien Idries

Die Bilder aus Clausnitz sind für jeden Menschen mit zumindest einem Funken Empathie schwer zu ertragen.

Wie immer man zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung stehen mag und wie groß die Sorgen angesichts der historischen Herausforderung auch sein mögen, wer angesichts der nackten Angst und der Tränen des Flüchtlingsjungen in dem Bus mit der Aufschrift „Reisegenuss“ kein Mitgefühl empfindet, dem ist vermutlich nicht mehr zu helfen.

Diese verwackelten Youtube-Szenen und auch der Jubel beim Brand in Bautzen führen dem Betrachter schonungslos vor Augen, dass es hierzulande offensichtlich Menschen gibt, die sich weit außerhalb der grundlegenden Werte dieses Landes bewegen. Eine Erkenntnis, die nicht neu, aber immer wieder schmerzhaft ist. Das gilt übrigens nicht nur für die fremdenfeindlichen Hetzer in Clausnitz oder Bautzen, sondern ebenso für die frauenfeindlichen Sexualstraftäter in Köln oder Hamburg. Nur, dass wir uns nicht missverstehen, hier geht es nicht um das Aufrechnen von Leid, sondern um das menschlich Normale.

Glanz der friedlichen Revolution

Besonders perfide ist, dass der Mob von Clausnitz fortwährend „Wir sind das Volk“ grölt und sich so in eine Linie mit den friedlichen Protesten in der DDR stellt. Nichts könnte falscher sein, auch wenn oberflächlich betrachtet, die beiden Parolen in die gleiche Richtung zielen. Auch die „Demonstranten“ in Clausnitz werden das Gefühl haben, sich gegen ein tiefes Unrecht zu wehren. Sie werden ihren grölenden Protest als ein legitimes Aufbegehren gegen die Regierenden betrachten, von denen sie sich nicht beachtet und nicht gefragt fühlen.

Dieses Gefühl der Nichtbeachtung sei jedem unbenommen und vielleicht mitunter berechtigt. Die Vereinnahmung der Parole vom Volk dient dem Protestmob jedoch einzig dazu, am Glanz der friedlichen Revolution in der DDR zu partizipieren und sie ist Geschichtsklitterung. Wer die Unfreiheit und die Repression des DDR-Systems mit der jetzigen Situation vergleicht, der ist mit dem Stempel geschichtsvergessen noch relativ gut bedient.

Das größte Ärgernis bei der Okkupation dieser historischen Protestparole ist aber, dass sie eine vollkommen neue Konnotation bekommt, die 1989 keinem in den Sinn gekommen wäre. „Wir sind das Volk“ bedeutete in Clausnitz eben nicht nur: Wir, die Regierten, gegen die, die Regierenden. Sondern es bedeutet auch: Wir, die Deutschen, gegen die, die anders sind. Die eine andere Hautfarbe haben, die eine andere Sprache sprechen, die an einen anderen Gott glauben. Die Gröler von Clausnitz nutzen den Begriff Volk völkisch und diskreditieren damit die Montagsdemonstranten von vor einem Vierteljahrhundert, denen es nicht um die Abgrenzung zwischen den Völkern ging.

Und sie diskreditieren diejenigen, die Sorgen angesichts der großen Herausforderung durch die Flüchtlingskrise haben und diese im Rahmen unserer Debattenkultur einbringen. Das muss weiterhin möglich sein. Ebenso, wie Exzesse wie in Clausnitz oder Bautzen in diesem Land unmöglich sein sollten.

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