14471384.jpg

Kommentiert: Geisterleben auf dem digitalen Dachboden

Ein Kommentar von Nina Leßenich

Niemals geht man so ganz – vielleicht war der bekannte Hit von Trude Herr aus dem Jahr 1987 noch nie so wahr wie heute. Denn: Wer im 21. Jahrhundert stirbt, der verschwindet nur noch in den seltensten Fällen einfach spurlos aus dem Leben.

Schließlich sind da ja noch Onlineabos, E-Mail-Accounts und Profile auf diversen Sozialen Netzwerken, die auch nach dem Ableben weiter bestehen – und Hinterbliebene im Zweifel auch Jahre nach dem Tod noch per Push-Notifaction über den anstehenden Geburtstag des längst Verstorbenen informieren. Das tut weh – und zeigt, dass mit dem digitalen Erbe nicht zu scherzen ist, obgleich es für den ein oder anderen zu Lebzeiten verhältnismäßig lapidar klingen mag.

Dass es jedoch nicht lapidar ist, hat in dieser Woche auch folgender Gerichtsprozess gezeigt: Eine Jugendliche wird von einer einfahrenden U-Bahn getötet. Zurück bleiben trauernde Eltern – und ein Facebook-Nachrichtenverlauf, der der Familie womöglich Aufschluss darüber geben könnte, ob es sich beim Tod ihrer Tochter um einen Suizid gehandelt haben könnte.

Facebook gewährt den Eltern keinen Zugriff auf den Account der Tochter – durchaus nachvollziehbar mit der Begründung, dass von der Offenlegung der Nachrichten auch die Privatsphäre anderer Nutzer betroffen wäre. Die Eltern klagen – ebenfalls nachvollziehbar, weil sie den Tod ihrer Tochter verstehen wollen. Und die Richter? Wollen vorerst nicht entscheiden und bitten beide Parteien, sich zu einigen. Eine gerichtliche Entscheidung soll im Zweifel Ende Mai fallen.

Die Misere dieses Falles zeigt: Das digitale Erbe muss ein Thema in der Öffentlichkeit werden, zu verflochten sind unsere digitalen Identitäten längst mit den realen. Was früher nach dem Tod in alten Kisten auf dem Dachboden entdeckt wurde, liegt heute in der Cloud. In Zeiten, in denen ein nicht unerheblicher Teil des Lebens vieler Menschen auch online stattfindet, wird Vergänglichkeit damit zu einem Privileg, für das man frühzeitig Vorkehrungen treffen sollte.

Wer nicht klärt, was mit seinen digitalen Hinterlassenschaften nach dem eigenen Tod passieren soll, für den droht die digitale Unvergänglichkeit. Wem das widerstrebt, der sollte sich schon zu Lebzeiten mit dem digitalen Erbe beschäftigen: Ausführliche Account- und Passwortlisten etwa können Hinterbliebenen im Zweifel helfen, uns vor einem ewigen Geisterleben auf dem digitalen Dachboden zu bewahren.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert