Kommentiert: Finaler Egoismus

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Kommentiert: Finaler Egoismus

Von: Annika Thee
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Vor genau 50 Jahren transplantierte Christiaan Barnard erstmals erfolgreich ein Spenderherz und revolutionierte damit die Medizin. Inzwischen ist die Transplantationsmedizin so weit, dass Empfänger Jahrzehnte mit den gespendeten Organen leben können.

Doch die Sache hat einen offensichtlichen Haken: Transplantiert werden kann nur, wenn passende Spenderorgane zur Verfügung stehen; Und das ist viel zu selten der Fall. 857 Deutschen wurden im vergangenen Jahr nach dem Hirntod Organe entnommen. Das entspricht einem pro eintausend Gestorbenen, während 10.000 Deutsche bangen, ob sie noch rechtzeitig ein Organ erhalten. Sie stehen auf der Warteliste der europäischen Vermittlungsstelle Eurotransplant. Jeden Tag verlieren drei Patienten diesen Wettlauf gegen die Zeit.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Nur jeder dritte Deutsche ist zu einer Organspende bereit. In einer Notsituation würden aber wohl die meisten Menschen ein fremdes Organ annehmen, ohne selbst einen entsprechenden Spenderausweis im Portemonnaie zu haben. Diese Menschen sollten sich fragen, warum sie darauf bestehen, Herz, Niere und Leber mit ins Grab zu nehmen.

Der ausschlaggebende Grund für die niedrige Spendenbereitschaft ist die Angst – vor dem Sterben, vor dem Tod und dem, was danach passiert, vor allem aber vor dem Kontrollverlust. Jeder Transplantationsskandal nährt diese Angst. Ärzte würden vielleicht nicht bis zum Schluss um das Leben des Patienten kämpfen, nach dem Tod nicht würdevoll mit dessen Körper umgehen oder Organe nicht dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Doch auch wenn bei den Skandalen notleidende Menschen übergangen wurden, was nicht zu entschuldigen ist, sind die Organe bei Menschen angekommen, die sie benötigt haben, auch wenn sie nicht die rechtmäßigen Empfänger waren. Mit jedem Skandal sinkt bei den Bürgern die Bereitschaft, zu spenden, aber die Nachfrage an Organen bleibt unverändert hoch.

Es ist schwer, Ängsten mit rationalen Argumenten zu begegnen. Wer sich aber dafür öffnet, findet nicht nur Informationen, geordnete Verfahren und strenge Vorgaben des Ethikrates, sondern auch Fakten, die Mut machen: Jeder Organspender schenkt im Durchschnitt drei Menschen ein neues Leben; Es können sogar bis zu sieben Menschen sein.

Der Entschluss zur Organspende bleibt eine Gewissensentscheidung, abgeleitet aus dem unumstößlichen Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit, das über den Tod hinaus wirkt.

Apropos Tod: Jeder zweite Deutsche entscheidet sich für eine Feuerbestattung. Täglich werden Organe, die Menschenleben retten könnten, verbrannt. Der gesunde Egoismus, der für das eigene Überleben wichtig ist, sollte nicht mit ins Grab genommen werden – ebenso wenig, wie gesunde Organe.

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